Skater auf einer Treppe
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Prof. Dr. Fabian Kessl
Universität Duisburg-Essen
Fakultät für Bildungswissenschaften,
Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik
Berliner Platz 6-8
45127 Essen

Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen
Institut für Soziale Arbeit
Rosenbergstrasse 59
CH-9001 St.Gallen
Kontakt: christian.reutlinger@fhsg.ch

Inhalt

  1. Das Homogenisierungsdilemma
  2. Das Präventionsdilemma
  3. Das Vernetzungsdilemma
  4. Das Mileudilemma


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Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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Sozialraumarbeit statt Sozialraumorientierung

- Zur Notwendigkeit einer reflexiven räumlichen Haltung in der Sozialen Arbeit. [1]

Fabian Kessl, Christian Reutlinger

Stadtteilfest als sozialraumorientierte Aktivität Sozialer Arbeit -ein fiktives Beispiel

Ein lauer Spätsommerabend in einer bundesdeutschen Großstadt. Bewohner eines als benachteiligt ausgewiesenen Stadtteils feiern ihr Stadtteilfest: Vor dem zentral gelegenen Schulhaus nehmen Marktstände die Plätze ein, an denen sonst Autos parken. Aus großen Boxen dröhnt Musik, und auf der kleinen Bühne am Rande der Szenerie rockt eine Schülerband. Eine Handvoll Gleichaltriger beobachtet sie. Einige von ihnen tanzen.
Hinter den Marktständen bieten Anwohnerinnen - einige in traditioneller Kleidung asiatischer und afrikanischer Regionen - verschiedenste Esswaren und Getränke an. Auf den in verschiedenen Sprachen verfassten Schildern sind die Namen der Speisen und die Standverantwortlichen ausgewiesen:
Vereine von Migrantengruppen, einzelne soziale Einrichtungen und eine Selbsthilfeorganisation. Hinter einem Stand stehen Jugendliche einer Jugendwohngruppe, die in diesem Stadtteil angesiedelt ist, und bieten Waffeln an. Unterstützt werden sie von ihrem Wohngruppenleiter, welcher angeregt mit einer aus dem Sudan stammenden Nachbarin spricht.
Neugierig zieht ein Teil der Anwohner zwischen den Ständen hin und her und testet verschiedenste Leckereien. Währenddessen betreut der andere Teil den jeweiligen Stand und sorgt für Nachschub. Überall wird sich gegrüßt, denn die meisten kennen sich von den Treffen zur Vorbereitung des Festes.
Eine Person fällt besonders auf, weil sie sich immer wieder unter Bewohner-Grüppchen mischt, mit fast jeder Person spricht und sich nach deren Befinden und Eindrücken vom Fest erkundigt - es ist die Sozialarbeiterin, auf deren Initiative dieses Fest entstanden ist.
Neben diesen aktiven Menschen nehmen nur wenige andere Bewohnerinnen und Bewohner an dem Fest teil: Kinder der beteiligten Bewohnerinnen und deren direkte Wohnungsnachbarn.

Als Handlungsprinzipien einer sozialraumorientierten Neujustierung Sozialer Arbeit werden immer wieder die Beachtung und Nutzung bereits vorliegender Ressourcen (Ressourcenorientierung und -aktivierung) und deren örtliche Vernetzung (Initiierung sozialer Netzwerke) hervorgehoben.
Das fiktive Beispiel eines Stadtteilfestes unter Beteiligung einer Jugendwohngruppe kann - zumindest auf den ersten Blick - wie die gelungene Realisierung einer solchen Neujustierung gelesen werden.
Wirft man aber einen zweiten Blick auf dieses Beispiel einer raumbezogenen Vorgehensweise, so zeigen sich auch deren zentrale Dilemmata: vor allem das Dilemma der Homogenisierung und im Anschluss daran die Dilemmata der Prävention, der Vernetzung und der Milieus.
Bevor diese Dilemmata im weiteren Text am fiktiven Beispiel des Stadtteilfestes diskutiert werden, stellt sich die Frage, was der Hinweis auf solche Dilemmata für eine raumbezogene Soziale Arbeit bedeutet. Eine raumbezogene Soziale Arbeit jenseits solcher Dilemmata ist nicht realisierbar. Denn in allen diesen Dilemmata spiegeln sich die jeweiligen Macht- und Herrschaftsverhältnisse wider, denen Soziale Arbeit prinzipiell nicht entkommen kann. Ganz im Gegenteil: Sie ist Teil derselben und auch an ihrer (Re)Produktion beteiligt.
Eine raumbezogene Soziale Arbeit muss diese allerdings auch nicht einfach hinnehmen. Vielmehr können die beteiligten Akteure diese bewusst und geplant zu beeinflussen suchen, das heißt aktiv mit Dilemmata, wie dem der Homogenisierung, umgehen (Reflexivität). Damit ist bereits der Unterschied zwischen den mehrheitlichen sozialpädagogischen Sozialraumorientierungsprogrammen und der hier vorgeschlagenen reflexiven räumlichen Haltung markiert: Eine reflexive räumliche Haltung bietet den Beteiligten in den Feldern der Sozialen Arbeit zwar keine grundsätzlich alternative Vorgehensweise im Sinne einer „neuen“ oder „anderen Sozialraumorientierung“ an. Eine reflexive räumliche Haltung ist aber charakterisiert durch den bewussten und geplanten Umgang mit den auftretenden Dilemmata, wie den hier am Beispiel des Stadtteilfestes exemplarisch verdeutlichten vier Dilemmata. Um diese - reflexive - Erweiterung der vorliegenden raumbezogenen Ansätze zu symbolisieren, sprechen wir im Folgenden von Sozialraumarbeit statt von sozialraumorientierter Sozialer Arbeit. Der Begriff der Sozialraumarbeit verdeutlicht, dass sich eine solche raumbezogene Soziale Arbeit nicht nur als stadtteil- oder quartiersbezogene, sondern immer als (sozial)politische Aktivität versteht. Sozialraumarbeit begreift den Bezug auf soziale Räume insofern immer im Bourdieu'schen Sinne als Bezug auf die eingeschriebenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, in die sie eingewoben ist und die sie damit unweigerlich mit formt. Im Mittelpunkt einer solchen Sozialraumarbeit steht also auf Seiten der Fachkräfte die Ausbildung einer reflexiven räumlichen Haltung als Realisierung einer reflexiven Professionalität im Fall raumbezogener Vorgehensweisen und die Ermöglichung einer solchen Sozialraumarbeit durch die Trägerorganisationen und die politisch Verantwortlichen.
In welcher Weise eine solche Sozialraumarbeit auszugestalten ist, ist in Bezug auf die jeweiligen Handlungszusammenhänge situativ zu konkretisieren. Eine räumliche Haltung beinhaltet somit keine allgemeingültigen raumbezogenen Methoden, erfordert aber eine explizite und spezifische fachliche und damit immer auch politische Positionierung. Damit schließt eine solche Sozialraumarbeit an ein reflexives Methodenverständnis an, das davon ausgeht, dass sozialpädagogische Fachkräfte prinzipiell über ein ganzes Spektrum an Methoden verfügen müssen, über deren Einsatz situationsspezifisch zu entscheiden ist und die situationsspezifisch zu legitimieren sind. Ansätze der Sozialraumarbeit basieren demnach auf der Annahme, dass keine raumbezogenen Methoden existieren, die per se Gültigkeit für ein spezifisches Handlungsfeld oder eine spezifische Adressatengruppe beanspruchen können. Je nach Fall, je nach Kontext und je nach Interessenkonstellation ist zu entscheiden, welches methodische Vorgehen am adäquatesten ist. Qualitätskriterium ist dabei immer die möglichst weitgehende Eröffnung und Erweiterung von Handlungsoptionen für die direkten Nutzerinnen und Nutzer der sozialpädagogischen Angebote.
Entscheidendes Merkmal der Sozialraumarbeit ist somit die Einnahme einer reflexiven räumlichen Haltung. Voraussetzung dafür ist die Kontextualisierung des jeweiligen Interventionsfeldes und -auftrages. Dazu gehört insbesondere die Inblicknahme der jeweils zugrunde liegenden Raumbilder. Erst vor diesem Hintergrund ist eine explizite reflexive Positionierung und damit die Einnahme einer räumlichen Haltung möglich, denn erst diese Vergewisserung verdeutlicht, in welcher Weise die Beteiligten die fokussierten sozialräumlichen Zusammenhänge thematisieren und welche alternativen Sichtweisen damit ausgeblendet bleiben.
Das zentrale Dilemma, auf das eine Sozialraumarbeit reagieren muss, ist analog zur grundlegenden Homogenisierungsgefahr raumbezogenener Strategien das Homogenisierungsdilemma.

Das Homogenisierungsdilemma

Die „multi-kulturelle“ Ausgestaltung des skizzierten Stadtteilfests basiert auf der Annahme einer Zugehörigkeit verschiedener Bewohnerinnen zu spezifischen Herkunftsländern. Eine solche Zuordnung negiert aber allzu leicht grundlegende Differenzen, die innerhalb dieser Bewohnergruppen bestehen. Den Besuchern des Stadtteilfestes wird mit der Auswahl von „Döner“ und „Baklava“ als türkische Nationalspeisen ein sehr beschränktes und keineswegs generell zutreffendes Bild des Herkunftlandes Türkei präsentiert. Eine solche Zuschreibung reproduziert stereotype Zuschreibungen spezifischer kultureller Muster. Diese Homogenisierung befördert sowohl Fremd- als auch Selbstzuschreibungen: Sozialarbeiterische Initiativen für ein „multikulturelles Stadtteilfest“ können ebenso vor dem Hintergrund der fehlgeleiteten Annahme relativ einheitlicher Herkunftkulturen geschehen wie die Selbstzuschreibung einzelner Gruppen von Migrantinnen als „russisch“ oder „griechisch“.
Doch das Homogenisierungsdilemma zeigt sich nicht nur hinsichtlich der Repräsentation einzelner Bewohnergruppen, sondern auch in Bezug auf die gesamte Gruppe der Stadtteilbewohner: Aktivitäten wie das fiktive Stadtteilfest suggerieren - wie der Name schon deutlich macht - allzu leicht, dass hier das Fest einer gesamten Bewohnergruppe gefeiert wird. Doch eine solche Gruppe als relativ einheitlicher sozialer Zusammenhang existiert höchstens in seltenen Fällen und dann auch nur in sehr überschaubaren und zumeist zeitlich begrenzten Zusammenhängen (z. B. in politisch oder religiös motivierten Wohngenossenschaften oder Teilen einzelner ehemaliger Facharbeitersiedlungen). Entscheidend ist aber vor allem, dass die Bewohnerinnen und Bewohner solch eines Wohnareals ein gemeinsames Interesse verbindet. Im Fall so genannter benachteiligter Stadtteile, wie sie im Zentrum sozialraumorientierter Aufmerksamkeit stehen, ist das einzige gemeinsame Interesse aller Bewohner zumeist der günstigere Wohnraum. Neben der administrativen Zuschreibung aufgrund des Wohnorts sind neben einzelnen personalen Bezügen häufig nur weinige weitere soziale Bezüge innerhalb der Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner auszumachen.
Das Homogenisierungsdilemma raumbezogener Maßnahmen lässt sich somit etwa folgendermaßen beschreiben: Raumbezogene Vorgehensweisen stehen immer in der Gefahr, bereits vorliegende Homogenitätsunterstellungen zu reproduzieren, und damit das prinzipielle Problem symbolischer Ausschließung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu verlängern, statt gegen dieses anzugehen.
Einer Sozialraumarbeit stellt sich daher die Frage, welche Strategien und Maßnahmen sie entwickeln und befördern kann, um die dominierenden Homogenisierungsprozesse eher zu unterlaufen als zu (re)produzieren.

Das Präventionsdilemma

Typisch für sozialraumorientierte Vorgehensweisen, wie sie in dem dargestellten Beispiel des Stadtteilfestes zum Tragen kommen, ist auch ihre präventive Ausrichtung. Im Fall des Stadtteilfestes kann der Versuch des Wohngruppenleiters, einen besseren Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern herzustellen, insofern dahingehend gedeutet werden, dass er diesen die Wohngruppenmitglieder etwas ans Herz legen möchte. Sein Ziel könnte man also als die Mobilisierung eines gewissen Levels der Mitverantwortung durch die Stadtteilbewohner beschreiben. Die Stadtteilbewohner sollen ein Auge auf die Jugendlichen haben, wenn sie im Stadtteil unterwegs sind. Das Präventionsdilemma besteht nun darin, dass mit einer solchen Ausrichtung sozialraumorientierter Vorgehensweisen die Jugendlichen in der Gefahr stehen, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Aufgrund der Zugehörigkeit zur sozialpädagogischen Wohngruppe wird dann auf eine notwendige präventive Kontrolle geschlossen. Die Jugendlichen werden also schlicht aufgrund der Tatsache, dass sie in der Wohngruppe leben, unter besondere Beobachtung gestellt.
Darüber hinaus kann das Engagement der Fachkraft aber auch als eine „präventive Bearbeitung“ der Bevölkerung selbst beschrieben werden. Ziel ist dann, die Akzeptanz gegenüber den Jugendlichen in der Bevölkerung zu erhöhen. Die Reaktion einzelner Bewohner auf manche Verhaltensweisen der Jugendlichen führt immer wieder dazu, dass die Mitarbeiter Vermittlungs- und manches Mal auch Besänftigungsarbeit leisten müssen. Das Engagement im Rahmen des Stadtteilfestes soll hier bereits präventiv den Boden bestellen, um (möglichen) zukünftigen Ärger möglichst zu vermeiden oder wenigstens zu verringern.
Die Frage, die sich einer Sozialraumarbeit angesichts des Präventionsdilemmas stellt, lautet daher: In welcher Weise können sozialpädagogische Angebote implementiert oder bereitgestellt werden, die Nutzerinnen und Nutzern bisher nicht zugängliche oder fehlende Handlungsoptionen eröffnen, ohne dass diese unter den Verdacht gestellt werden, potenziell „kriminell“, „leistungsscheu“ oder „dissozial“ zu sein?

Das Vernetzungsdilemma

Das Beispiel des Stadtteilfestes ist auch typisch für die Vernetzungsbemühungen sozialraumorientierter Vorgehensweisen. Mit entsprechenden Aktionen sollen die vorhandenen Ressourcen des sozialen Umfelds nicht nur aktiviert werden, sondern es sollen soziale Netzwerke installiert oder wiederhergestellt werden. Das Dilemma dabei ist nun, wie auch die Evaluationsergebnisse aus dem bundesdeutschen Stadtentwicklungsprogramm „Soziale Stadt“ (sowie aus dem darauf bezogenen Jugendhilfeprogramm E&C) zeigen, dass diese Vernetzung an solchen Stellen besonders gut funktioniert, an denen vor expliziten raumbezogenen Interventionsmaßnahmen bereits Netzwerksstrukturen nachweisbar waren. Dagegen erweist sich die Installierung von Netzwerkstrukturen an anderen Stellen als extrem schwierig. Untersuchungen im Kontext der wissenschaftlichen Begleitung des Jugendhilfeprogrammes E&C verdeutlichen, dass in den ausgewiesenen Gebieten des Programms „Soziale Stadt“ wenig neue Netzwerke entstanden sind. Bei den wenigen neu formierten Netzwerken handelt es sich meist um geschlossene und zielorientierte Gruppen (wie zum Beispiel eine Lenkungsgruppe des Programms „Soziale Stadt“), die die spezifischen Ziele des Förderprogramms verfolgen, ohne dass Bewohnerinnen oder Bewohner beteiligt werden. Kooperationen scheinen da zu funktionieren, wo es räumlich passt. Am gewählten Beispiel zeigt sich, dass die beteiligten Akteure nicht nur aus den im Stadtteil etablierten Initiativen und Vereinen kommen, sondern sich zum Teil auch von anderen gemeinsamen Stadtteilaktivitäten kennen. Andere Bewohner fehlen auf dem Stadtteilfest fast vollständig. Damit besteht aber die Gefahr, dass immer wieder die bereits bestehenden Netzwerkstrukturen reproduziert werden und es den Nicht-Beteiligten weiterhin erschwert wird, sich zu beteiligen.
Inwiefern und an welcher Stelle kann Sozialraumarbeit, so ist mit Blick auf dieses Dilemma zu fragen, Netzwerke, die quer zu den dominierenden liegen, unterstützen oder deren Aufbau anregen oder zu deren Öffnung für bisher unbeteiligte Personen motivieren?

Das Mileudilemma

Milieustudien weisen in den letzten Jahren sehr deutlich darauf hin, dass sich soziale Ungleichheit, das heißt die unterschiedliche Verteilung von Ressourcen und der Zugänge zu diesen, nicht nur zwischen verschiedenen Wohngruppen zeigt, sondern auch innerhalb der einzelnen Wohnbevölkerungen. So macht Thomas Schwarzer am Beispiel eines norddeutschen Stadtteils sehr deutich, dass die Aktivierung von Ressourcen vor allem bei den bereits einflussreichen Gruppen im Stadtteil gut gelingt. Das heißt, ähnlich wie bei dem Großteil der Versuche der Mobilisierung bürgerschaftlichen Engagements, mit denen vor allem Mittelschichtsangehörige erreicht werden, führen auch die Versuche in den so genannten benachteiligten Stadtteilen zumeist dazu, dass nicht nur die bereits vernetzten Akteure von den raumbezogenen Aktivitäten profitieren, sondern vor allem die bereits relativ gut mit Ressourcen ausgestatteten Bewohnergruppen.
Am hier gewählten Beispiel des Stadtteilfests lässt sich dies daran zeigen, dass fast ausschließlich die bereits organisierten Migrantengruppen und die institutionalisierten sozialen Einrichtungen beteiligt sind. Die vielen anderen Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils werden nicht erreicht. Das heißt aber auch, dass sie von den aktivierten Ressourcen und der erreichten Vernetzung nicht oder nur zufällig und indirekt profitieren können.
Insofern stellt sich für eine Sozialraumarbeit die Frage, welche Ansatzpunkte zu finden sind, die bestehenden Milieugrenzen - gerade auch in ihrer sehr kleinräumigen Gestalt - immer wieder in Frage zu stellen und im gelungenen Fall auch zu überwinden.

Sozialraumarbeit meint die Einnahme einer reflexiven räumlichen Haltung. Diese konkretisiert sich durch eine systematische Kontextualisierung des jeweiligen Handlungsraumes, das heißt eine systematische und möglichst umfassende Inblicknahme des Erbringungszusammenhangs. Alle Beteiligten machen sich im Idealfall in diesem Prozess bewusst, welche Interessen- und damit Macht- und Herrschaftskonstellationen vorliegen. Diese Bewusstmachung rückt zugleich die Grenzen des aktuell Möglichen in den Blick. Das heißt, sie verdeutlicht, was gewollt und was nicht gewollt ist. Entscheidend für die Sozialraumarbeit ist nicht nur das Gewollte, sondern auch das Nicht-Gewollte. Denn gerade auch hier können sich Handlungsoptionen für die Nutzer eröffnen oder erweitern. Am Beispiel gesprochen könnte das eine explizite und kritische Thematisierung von Homogenisierungsstrategien („russisch“, „türkisch“, „deutsch“,...) und deren kommunalen Konsequenzen und Institutionalisierungsformen (z. B. ein Leben in „Illegalität“ oder die konkrete Arbeit der Ausländerbehörden) bedeuten: zum Beispiel die Einbindung von Stadtteilbewohnern in die Wohngruppenarbeit, etwa durch Kooperationen mit Jugendverbänden oder Altenvereinen - aber auch die öffentliche Diskussion der Arbeitsbedingungen und pädagogischen Konzepte der Wohngruppe unter Beteiligung der Wohngruppenmitglieder.
Damit ist der zweite relevante Punkt für eine reflexive räumliche Haltung als Kernbestandteil einer Sozialraumarbeit bereits angedeutet: die notwendige (politische) Positionierung. Ein Grund, warum raumbezogene Vorgehensweisen den oben dargestellten Dilemmata nicht entkommen können, ist die Tatsache, dass jede bewusste und geplante Intervention bestimmte Deutungen (re)produziert, das heißt Beschreibungskategorien verwendet. Solche Kategorisierungen sind aber immer begrenzte Deutungen, das heißt Beschreibungen, die Bestimmtes fokussieren und zugleich Anderes systematisch ausschließen. Selbst eine kritische Inblicknahme, wie diejenige des Präventionsdilemmas, kommt nicht um eine Kategorisierung umhin und verwendet weiterhin bestimmte vereinheitlichende Kategorien, die qualitative Differenzen übergehen müssen (z. B. „Wohngruppenmitglieder“). Dennoch muss es darum gehen, diese Kategorien möglichst offen zu handhaben, das heißt ihre Deutungen immer wieder in einen kritischen Verständigungsprozess einzuspeisen. Damit darf nicht ein beliebiges Kategorisieren geschehen, nach dem Motto „Alles ist möglich“. Denn Kategorien sind historisch-kulturell und damit immer auch politisch aufgeladene Deutungsmuster, die nicht einfach beliebig verändert werden können. Gleichzeitig dürfen vorherrschende Kategorien nicht einfach reproduziert werden, wenn ihre Begrenzungen bewusst mit in den Blick genommen werden sollen. Nicht mehr vom Stadtteil oder von der Quartiersbevölkerung zu sprechen, ist wenig sinnvoll. Zugleich ist eine Rede, die die damit verbundene Homogenisierungsproblematik nicht berücksichtigt, unzureichend. Will man in diesem Sinne eine reflexiv-räumliche Haltung einnehmen, erfordert dies also eine bewusste Positionierung, beispielsweise im Sinne einer nicht-territorialisierenden raumbezogenen Sozialraumarbeit.
Damit rückt der dritte und letzte Punkt in den Blick: Sozialraumarbeit ist nicht per se gut oder auf der richtigen Seite. Ihre Position hat sie zu legitimieren - kommunalpolitisch, fachlich und gegenüber den Nutzerinnen und Nutzern. Diese Legitimationsarbeit ist gerade angesichts der Transformation des bisherigen wohlfahrtsstaatlichen Arrangements von entscheidender Bedeutung. Denn die Soziale Arbeit insgesamt steht unter Legitimationsdruck. Diesem Druck begegnet sie aber nur unzureichend, indem sie für bestimmte Generalkonzeptionen, wie eine Sozialraumorientierung als allgemeines Leitprinzip, plädiert. Vielmehr muss sie sehr konkret und situationsspezifisch verdeutlichen, warum eine öffentliche Unterstützungs- und Beeinflussungsinstanz menschlicher Lebensführung sinnvoll und notwendig ist. Die Einnahme einer solchen - durchaus sehr anspruchsvollen - reflexiv-räumlichen Haltung ist permanente Aufgabe, die nicht durch die Vereinbarung eines organisatorischen Leitbildes fixierbar ist. Sie kann auch nicht durch einzelne Fachkräfte allein realisiert werden. Vielmehr erfordert sie entsprechende (kommmunal)politische und organisatorische Ermöglichungsbedingungen.
Die Sozialraumarbeit ist kein fertiges raumbezogenes Handlungskonzept im Sinne einer alternativen Sozialraumorientierung. Vielmehr bietet sie im Sinne der reflexiv-räumlichen Haltung einen Reflexionsrahmen an, der zu beachten ist, wenn konkrete und situationsspezifische raumbezogene Konzeptionen entwickelt oder weiterentwickelt werden. Soziale Arbeit ist immer ortsbezogene Aktivität, dennoch folgert aus den hier vorgelegten Überlegungen ein anderer Umgang mit diesen Orten.

Soziale Arbeit ist immer an einen konkreten Ort gebunden. Dieser Ort kann heute auch ein virtueller Raum sein, beispielsweise eine Beratungsplattform für Kinder und Jugendliche. Soziale Arbeit ist deshalb gezwungen, sich aktiv und explizit zu verorten. Dazu muss sie sich bewusst werden, welche Bedeutung der konkrete Ort für die verschiedenen Handelnden auf den unterschiedlichen politischen, praktischen und alltäglichen Ebenen hat, welche Ressourcen in ihm stecken, welche durch ihn verbaut werden und wie diese oder andere unzugänglichen Ressourcen im Sinne einer Erweiterung oder Eröffnung von Handlungsoptionen für die Akteure genutzt werden können. Im Prozess der Verortung werden damit neue Positionen, die die spezifische Situation der beteiligten Akteure auszeichnen, möglich. Diese Positionen bilden dann wieder die Grundlage von Handlungs- und Verortungsstrategien auch für politische Auseinandersetzungen. Der Ort wird damit als eine Verhandlungsressource betrachtet, wie Encarnación Gutiérrez Rodríguez schreibt: ein Ort, an dem sich die herrschenden Verteilungs-, Arbeits- und offiziellen Zugehörigkeitsmodelle reflektieren und von dem aus sich Zugangsmöglichkeiten ebenso wie Schließungsmechanismen eröffnen. Verortungsprozesse stellen insofern soziale Praktiken dar, mit denen spezifische räumliche Kontexte, die das Ergebnis vormaliger sozialer Praktiken sind, verändert, bestätigt oder verworfen werden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als eine explizite und transparente Positionierung innerhalb dieser Prozesse ist die Aufgabe einer raumbezogenen Sozialen Arbeit im Sinne der Sozialraumarbeit. Die (Weiter)Entwicklung einer solchen Sozialraumarbeit steht allerdings erst am Anfang.


Fußnote

[1] Der vorliegende Text ist im Lehrbuch „Sozialraum - eine Einführung“ im Frühjahr 2007 beim VS-Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden erschienen.


Zitiervorschlag

Fabian Kessl, Christian Reutlinger: Sozialraumarbeit statt Sozialraumorientierung. In: sozialraum.de (1) Ausgabe 2/2009. URL: http://www.sozialraum.de/sozialraumarbeit-statt-sozialraumorientierung.php, Datum des Zugriffs: 19.11.2017

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