Skater auf einer Treppe
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Autorin

Prof. Dr. habil. Monika Alisch
Dipl. Soziologin
Hochschule Fulda
Fachbereich Sozialwesen
Sprecherin des Centre of Research for Society and Sustainability – CeSSt der HS Fulda
'Kontakt: monika.alisch@sw.hs-fulda.de

Inhalt

  1. 1. Der dahinterliegende Sozialraumbegriff
  2. 2. Methodischer Ablauf: Sozialraumtagebuch, Reflexion mit der Nadel, Begehung
  3. 3. Anwendung
  4. Literatur


Aktuelle Rezensionen

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Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Sozialraum- und Netzwerk-Tagebücher

Monika Alisch

Die Methode der Sozialraum- bzw. Netzwerktagebücher dient dazu, die sozialraumkonstituierenden alltäglichen Abläufe von Personen zu rekonstruieren und sie in einem zweiten kommunikativen Schritt selbst für die Relevanz des Alltäglichen zu sensibilisieren. Darüber können die spezifischen Formen der Aneignung von Räumen, der Nutzung sozialer Orte sowie Formen alltäglicher Netzwerkbildung und -pflege identifiziert und so in einer gemeinwesen- und sozialraumbezogenen Sozialen Arbeit Ausgangspunkt für eine bedürfnisorientierte Praxis sein.

1. Der dahinterliegende Sozialraumbegriff

Dabei wird davon ausgegangen, dass „Sozialraum“ erst in einer engen Verkopplung mit bestimmten raumstrukturellen Qualitäten ganz unterschiedlich umgrenzter Orte über die Unmittelbarkeit des Sozialen als kognitive, affektive und soziale Vertrautheiten (vgl. Becker/Eigenbrodt/May 1984: 16 ff.; May 2001: 17 ff.; Alisch/May 2008b: 8) entsteht und solche gruppen-, institutionen- und praxiszusammenhangsspezifische Netzwerke „raumbezogener Interessensorientierungen“ im Zentrum hat.

Davon begrifflich unterschieden wird die in bestimmten materiellen Gegebenheiten, kodifizierten Nutzungsregeln und deren sozialer Kontrolle verobjektivierte „ortsbezogene Raumstruktur“, in der sich solche Vernetzungen ereignen. So wird es zum einen möglich, zu überprüfen, in welchem Maße und auf welche Art eine in spezifischer Weise architektonisch-stadtplanerisch oder auch pädagogisch gestaltete ortsbezogene Raumstruktur durch bestimmte Bevölkerungsgruppen sozialräumlich angeeignet werden kann und angeeignet wird und die Bildung von Netzwerkstrukturen eher begünstigt oder erschwert werden können.

Mit dem Begriff der „raumbezogenen Interessenorientierungen“ (vgl. Becker/Eigenbrodt/ May 1984: 16 ff.; May 1986: 88 ff.; May 2001: 17 ff.) können so einzelne sozialraumbezogene Handlungsmuster als Beispiele entsprechender allgemeiner Strategien daraufhin untersucht werden, ob eine soziale Gruppe die auf eine spezifische Weise von ihnen interpretierte „ortsbezogene Raumstruktur“ so beeinflussen oder verändern, dass eine ihren Bedürfnissen entsprechende Beziehung zu dieser ortsbezogenen Raumstruktur hergestellt wird oder nicht.

Über die Sozialraum- und Netzwerk-Tagebücher identifizierbare ortsbezogene Vernetzungsansätze sozialer Gruppierungen können dann nicht nur als Versuch interpretiert werden, sich einen Rahmen von „Sozialraum“ zu schaffen (in dem sie ihre Motive und Eigenschaften verwirklichen und ihre Erfahrungen organisieren). Dieses Handeln kann auch als eine Art „Willenskundgebung“ gesehen werden, in der verdeutlicht wird, wie dieser Rahmen – als Bedingung für Selbstverwirklichung innerhalb kollektiver Interessensorganisation auszusehen hätte. Von daher impliziert ein solcher Sozialraumbegriff in der Sozialen Arbeit oder einer Projektentwicklung im Gemeinwesen immer eine partizipative Perspektive, die sich in den angewandten Methoden spiegelt.

Grundsätzlich werden Tagebuchverfahren also eingesetzt, um Beobachtungen, Erfahrungen, Verhaltensweisen und Ideen festzuhalten, sie zu reflektieren, um dann daran professionell anzuknüpfen: In der Entwicklungspsychologie sowie der Pädagogik hat die Tagebuchmethode als solche eine „lange Tradition als Dokumentation von Erfahrungen, die für andere nutzbar gemacht werden“ (vgl. ausführlich dazu Fischer/Bosse 2003: 871ff.). Vielfach geht es um die im Tagebuch selbst verschriftlichte Reflexion von Erlebtem, Gefühlen und Gedanken. Strukturierte Tagebücher dienen in der Entwicklungspsychologie als Hilfsmittel in der Diagnose und Therapie (vgl. u.a. Wilz/Brähler 1997). In der Pädagogik erscheint die Tagebuchmethode als didaktisches Mittel für unterschiedliche Einsatzfelder, meist als Medium, um Lern- und Lehrprozesse festhalten und reflektieren zu können (vgl. Fischer/Bosse 2003). Die Medien- und Marktforschung initiiert Tagebuchstudien, um gezielt „Einblicke in zeitabhängige Gewohnheiten und Nutzungsmuster der Zielgruppe, Aussagen über Kontinuität und Regelmäßigkeit bestimmter Verhaltensweisen“ zu erlangen (vgl. www.skopos.de/methoden/tagebuchstudien.html). In der Analyse des Einkaufs- bzw. Konsum- oder Freizeitverhaltens sowie der Mediennutzung gelten Tagebuchverfahren auch als interessant, um „Erkenntnisse über die Wahrnehmung alltäglicher Situationen und subjektiver Strukturierung des Alltags“ (ebd.) zu erhalten. Für dieses auch für den Einsatz der Sozialraumtagebücher in der Praxis sozialer Arbeit relevante Motiv werden allerdings meist hoch standardisierte, kontrollierte Verfahren angewendet, die zeitgenaue Eintragungen und eine präzise quantitative Auswertung ermöglichen. Eine Reflexion von Seiten der Tagebuchführenden ist hier kaum relevant.

2. Methodischer Ablauf: Sozialraumtagebuch, Reflexion mit der Nadel, Begehung

Sozialraum- und Netzwerk-Tagebücher sind als methodisches Element in der Arbeit mit Gruppen zu verstehen, die sich als solche erst im Prozess konstituieren. Regelmäßige moderierte Treffen der Gruppe begleiten die Phase der Tagebuchführung, d.h. die Erhebung der alltäglichen sozialen Vernetzungen und Raum- bzw. Infrastrukturnutzung, reflektierend. Bosse/Fischer (2003: 876) benennen den eigentlichen Kern der Methode der Sozialraum-und Netzwerktagebücher in ihrer Feststellung: „Die reflexive Verarbeitung von Praxiserfahrung mit Hilfe des Tagebuchs gibt der [Alltags-]Praxis Sprache …“

Während sowohl die pädagogischen, als auch die die Erfassung von Verhalten im Alltag bezogenen Tagebuchverfahren meist einheitliche Strukturen voraussetzen, oder gar in Form von auszufüllenden Tagesplänen solche Strukturen vorgeben, gibt es für das Sozialraum-und Netzwerk-Tagebuch keine Form- und Strukturvorgaben, da die so entstehenden Notizen eben nicht von einer verobjektivierenden Instanz vergleichend ausgewertet werden, sondern im Gruppenprozess ihre Interpretation erfahren.

Das Sozialraum-/Netzwerktagebuch kann ein einfaches DIN-A 5 Schulheft, in dem die Beteiligten über einen Zeitraum von 6 bis 8 Wochen (ausreichend lang, um tatsächlich Routinen des Alltäglichen erkennen zu können) stichpunktartig notieren, an welchen Orten sie mit wem was unternehmen oder erledigen und welche Angebote und Gelegenheiten im Quartier, im Stadtteil und außerhalb sie dafür nutzen. In einem wöchentlichen moderierten Austausch untereinander werden die Gruppenbeteiligten zunächst dafür sensibilisiert, dass es tatsächlich um ihre alltäglichen Abläufe geht – wohl wissend, dass Menschen für gewöhnlich nur vermeintliche Besonderheiten für erwähnens- bzw. mitteilenswert halten. Anschließend werden in der Arbeit mit der Gruppe mit farbigen Nadeln, welche verschiedene Tätigkeiten, Organisationsformen und Beziehungsqualitäten bezeichnen, auf einer Stadtkarte die Orte markiert, die für das soziale Netzwerk jedes/jeder Einzelnen bedeutsam sind (Nadelmethode). Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden in der Gruppe diskutiert und im Hinblick auf die sozialräumlichen (Vernetzungs-)Qualitäten der jeweiligen Orte sowie die dort zu organisierenden soziokulturellen Hintergrundbedürfnisse der jeweiligen Gruppe analysiert. Zudem werden Unterschiede in Bezug auf die Jahreszeiten, Wochentage und Wetterverhältnissen angesprochen.

3. Anwendung

In dieser Form ist die Methode der Sozialraum-/Netzwerk-Tagebuch noch nicht vergleichend bzw. methodenkritisch auf verschiedene soziale Gruppierungen angewendet worden. Unsere Erfahrungen mit der Methode beruhen auf einer Praxisforschung mit älteren Migrant/innen (vgl. www.amiqus.de; May/Alisch 2013). In dieser Studie zur Stützung und Initiierung von Netzwerken der Selbstorganisation und Selbsthilfe älterer Migrant/innen in unterschiedlichen Quartiersstrukturen wurden die Netzwerke der Selbsthilfe und Selbstorganisation sowie die Formen der Raumnutzung anhand von beinahe 80 Sozialraumtagebüchern in einem partizipativ-reflektierenden Prozess rekonstruiert und freigelegt.

Im Hinblick auf diese Praxiserfahrungen sollen hier auch erprobte Varianten der Methode erwähnt werden, die nicht das geschriebene Wort ins Zentrum stellen und dennoch darauf gerichtet sind, der Alltagspraxis Sprache zu geben: Menschen, die nicht schreiben können und auch niemanden dafür in der Familie oder dem Freundeskreis um Unterstützung bitten können, können ihren Tagesablauf auch den Prozessverantwortlichen diktieren. Dies erfordert jedoch einen dichten, am besten täglichen Kontakt, um auch tatsächlich die alltäglichen Abläufe zu erfassen. Wer zwar schreiben kann, sich jedoch in der deutschen Sprache unsicher fühlt, sollte die Möglichkeit haben, die Abläufe in der eigenen Sprache zu notieren. Übersetzungshilfen in den reflektierenden Gruppensitzungen müssen dann entsprechend organisiert werden (durch hinzugezogene Übersetzer, oder je nach Stand der Vertrautheit in der Gruppe, auch durch andere Gruppenmitglieder). Das Tagebuch kann in beiden Fällen auch durch das gemeinsame Aufsuchen konkreter Orte unter Führung der jeweiligen Gruppenmitglieder ersetzt oder ergänzt werden: Den Prozessinitiatoren bzw. Gruppenmoderatoren werden dann die relevanten Orte gezeigt und die damit verbundenen Handlungen erzählt und ggf. aufgezeichnet.

Mit den in der Gruppe anhand der Tagebuchaufzeichnungen oder der Erzählungen gewonnenen Erkenntnissen erfolgt nach der Nadelmethode eine Begehung der Orte, die gehäuft genannt wurden. Vor Ort sollen die Betroffenen noch einmal intensiver über ihr – möglicherweise unterschiedliches – Erleben und Handeln an diesen Orten und ihre darin deutlich werdenden Bedürfnisse und deren (Nicht-)Erfüllung reden. Auf diese Weise sollen auch an diesen Orten bestehende Probleme aus Sicht der Betroffenen thematisiert werden.

Literatur

Becker, H./Eigenbrodt, J./May, M. 1984: Pfadfinderheim, Teestube, Straßenleben. Jugendliche Cliquen und ihre Sozialräume. Frankfurt a.M.

Fischer, D./Bosse, D. 2003: Das Tagebuch als Lern- und Forschungsinstrument. In Friebertshäuser, B. (Hrsg.): Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. S. 871-886. Weinheim u.a.

May, M./Alisch, M. 2013: AMIQUS – Unter Freunden. Ältere Migrantinnen und Migranten in der Stadt. Opladen, Berlin, Toronto.

May, M. 1986: Provokation Punk. Versuch einer Neufassung des Stilbegriffs in der Jugendforschung. Frankfurt a.M.

May, M. 2001: Sozialraum: Unterschiedliche Theorietraditionen, ihre Entstehungsgeschichte und praktischen Implikationen. In: Widersprüche Heft 82. Raum-Effekte: Politische Strategien und kommunale Programmierung, S. 5-24.

Wilz, G./Brähler, E. (Hrsg.) 1997: Tagebücher in Therapie und Forschung. Ein anwendungsorientierter Leitfaden. Göttingen.


Zitiervorschlag

Monika Alisch: Sozialraum- und Netzwerk-Tagebücher. In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. URL: http://4linden.sozialraum.de/sozialraum-und-netzwerk-tagebuecher.php, Datum des Zugriffs: 21.09.2017

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