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Prof. Dr. habil. Michael May
Hochschule Rhein-Main, Wiesbaden.

Prof. Dr. habil. Monika Alisch
Hochschule Fulda



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Organisations- und Partizipationsformen älterer Zugewanderter

Michael May, Monika Alisch

Im Zentrum des folgenden Beitrags stehen Analysen des BMBF-Projektes „Ältere Migrant_innen im Quartier – Stützung und Initiierung von Netzwerken der Selbstorganisation und Selbsthilfe (www.AMIQUS.de)“ zu Organisations- und Partizipationsformen dieser Bevölkerungsgruppe. Solche Formen der Selbstorganisation wurden in diesem Vorhaben von Praxisforschung nicht einfach bloß empirisch rekonstruiert, sondern darüber hinaus auch partizipativ initiiert.

Zum bundesdeutschen Diskurs um Organisations- und Partizipationsformen von älteren Migrant_innen

„Demokratisierung, Partizipation, Mitbestimmung und weitere verwandte Konzepte“ (von Alemann 1978: 21) markieren „Mittel der Erweiterung von traditionellen Teilhaberechten an Entscheidungen im politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlichen Raum” (ebd.). Die längste Tradition solcher Konzepte findet sich „im Bereich der lokalen Politik (zurückreichend bis zu den Steinschen Reformen) und im Bereich der Sozialpolitik (zurückreichend bis zur Bismarckschen Sozialgesetzgebung). (vgl. Sünker/Swiderek/Richter 2004: 10). Nicht nur an diesen historischen Prozessen lässt sich zeigen, dass Partizipation „weder eindeutig Instrument der Herrschenden zur Befriedung und Legitimationssicherung noch eindeutig eine Chance der Entscheidungsbetroffenen zur Durchsetzung ihrer Interessen“ (ebd.) ist. So ist Partizipation bis heute ein Begriff, „dem in unterschiedlichen Kontexten Bedeutung zukommt; diese changiert von Beteiligung, Mitwirkung, Mitbestimmung über Emanzipation und Mündigkeit bis hin zu Demokratisierung und Selbstbestimmung“ (ebd.: 9).

Wenn von Alemann in seiner Analyse der semantischen Komplexität der Begriffe von „Partizipation, Demokratisierung, Mitbestimmung“ zusammenfassend von Teilhaberechten spricht, und Fritz Vilmar Partizipation „als Beteiligung des Bürgers an gesellschaftlichen Prozessen” (1986: 339) definiert, „und zwar sowohl an Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen als auch an sozialen und politischen Aktivitäten selbst“ (ebd.), fokussieren beide nur die Teilnahme von Bürger_innen an sozialen und politischen Prozessen. Nicht in ihren Blick kommt die im Begriff der Teilhabe gefasste Partizipation an den Resultaten entsprechender Prozesse im Sinne von gesellschaftlicher Macht, Sicherheit, Wohlstand und Freiheit.

Vor dem Hintergrund von Jürgen Habermas Untersuchung über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1990) hat Helmut Richter (2004: 80) verdeutlicht, dass „noch bis zur russischen Revolution nach vorherrschendem Verständnis“ (ebd.) als „freies Mitglied“ des im Staat konkrete Gestalt gewinnenden Gemeinwesens nur gegolten habe, „wer arbeitet und Eigentum hat. […] Teilhabe implizierte Teilnahme“ (ebd.). Gerade weil durch die kapitalistische Entwicklung große Teile der Bevölkerung eines Staates von dieser Teilhabe ausgeschlossen wurden und werden, stehe „seit dem 20. Jahrhundert ein demokratischer und sozialer Staat […] vor der Herausforderung, alle Menschen, die von seiner Ökonomie betroffen sind, zunächst einmal in ihrem freien, mündigen Menschsein anzuerkennen, d.h. materiell abzusichern […]: Teilnahme impliziert Teilhabe“ (ebd.).

Nun eröffnet in Deutschland nur die Einbürgerung Zugang zur vollen politischen Teilnahme. Vor dem Hintergrund, dass in der Bundesrepublik zwischen verschiedenen Kategorien von Zugewanderten in Bezug auf die Staatsbür­gerschaft (ethnische Deutsche, EU-Staaten, Drittstaaten) und Wohnsitz-Status (Wohnsitz und Aufenthaltserlaubnis; Flüchtlinge und Asylantinnen und Asylanten) unterschieden wird,  sind schon deren Teilnahme-Möglichkeiten sehr stark hierarchisiert. Auch konzentriert sich die Forschung in Deutschland bisher – wie der sehr differenzierte Überblick von Norbert Cyrus (vgl. 2005) für das europäische POLITIS Projekt zeigt – nahezu ausschließlich auf die Art der Teilnahme von Zugewanderten an mikro-, meso- und makrosozialen Organisationsformen des gesellschaftlichen Lebens. Die im Begriff der Teilhabe gefasste Partizipation an den Resultaten entsprechender Prozesse wird so gut wie kaum in den Blick genommen.

Die wenigen Studien, die es hierzu gibt, kommen allerdings einhellig zu dem Ergebnis, dass die „Lebensumstände “älterer„ Menschen ausländischer Herkunft aufgrund ihrer Migrationsbiografie und der diskriminierenden Lebensumstände in der Ankunftsgesellschaft“ (Krumme/Hoff 2004: 459) nicht nur „von geringerer Lebensqualität gekennzeichnet sind“ (ebd.; vgl. auch Özcan/Seifert 2006: 39; ISG/WZB 2009: 164 ff.). Darüber hinaus weise diese Bevölkerungsgruppe auch einen „geringeren Vergesellschaftungsgrad“ (Krumme/Hoff 2004: 459) auf.  Beklagt wird in dieser Hinsicht ein deutlich geringeres Engagement in Vereinen und Gruppen (ebd.: 491; vgl. auch Geiss/Gensicke 2005; Haug/Müssig/Stichs 2009; Sauer 2010). Demgegenüber scheint jedoch gerade in Bezug auf Zugewanderte die Grenze zwischen organisiertem und nicht organisiertem sozialen Engagement – z.B. im Rahmen von ethnischen communities – als fließend, da aufgrund besagter rechtlicher Rahmenbedingungen organisierte Formen der Selbstvertretung dort gar nicht immer möglich sind.

Zudem wird häufig in den sehr generalistischen Interpretationen der jeweils erhobenen Daten im Hinblick auf einen wenig spezifizierten und eher traditionellen Begriff von Integration nicht einmal die in der wissenschaftlichen Debatte übliche Differenzierung zwischen politischer, sozialer und kultureller Partizipation aufgenommen (vgl. Cyrus 2005: 25). Dabei ist – wie Cyrus (ebd.: 51) zu Recht hervorhebt – die Frage, inwieweit migrantische Selbst(hilfe)organisationen integrationsfördernd oder -hemmend seien, vor allem eine Frage der Interpretation von empirischen Daten und lässt sich nicht aus diesen selbst heraus beantworten.

Demgegenüber muss die – im Zusammenhang mit der Erprobung des Indikatorensets zum bundesweiten Integrationsmonitoring anhand multivariater Regressionsanalysen der „Ausländerstichprobe“ (vgl. Geiss/Gensicke 2005) des Freiwilligensurvey von 2004 gewonnene – Erkenntnis ernst genommen werden, dass „die geringere Chance auf gesellschaftliche Beteiligung“ (ISG/WZB 2009: 169) älterer Zugewanderter der ersten Generation, weder durch „Wohndauer und Urbanitätsgrad“ (ebd.), noch durch „gesellschaftliches Interesse, Wertevorstellungen und Religionszugehörigkeit“ (ebd.) erklärt werden können. Die Autor_innen der Studie leiten hieraus weiteren Forschungsbedarf ab, wobei sie mutmaßen, dass möglicherweise „Sprachkenntnisse, geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen, geringere Gelegenheitsstrukturen sowie Benachteiligungserfahrungen eine Rolle“ (ebd.) spielen könnten.

„Die geringere Chance auf gesellschaftliche Beteiligung“ (ebd.) von Zugewanderten der ersten Generation im Sinne von Teilnahme und Teilhabe war auch ein wesentlicher Ausgangspunkt für das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für drei Jahre in der Forschungslinie SILQUA-FH geförderte Praxisforschungsprojekt „Ältere Migrant_innen im Quartier – Stützung und Initiierung von Netzwerken der Selbstorganisation und Selbsthilfe (www.AMIQUS.de)“. Dessen Ansatz und Ergebnisse zu Organisation und Partizipation älterer Zugewanderter werden im Folgenden dargestellt und mit bisherigen Forschungsergebnissen verglichen.

Zur Forschungsmethodik des AMIQUS-Projektes

Einem Ansatz „praktisch einhakender Sozialforschung“ (vgl. May 2008) verpflichtet, hat das AMIQUS-Projekt in seiner ersten Projektphase in vier höchst unterschiedlichen Wohnquartieren ebenso unterschiedlicher Städte mit hohem migrantischen Bevölkerungsanteil – die in etwa die verschiedenen Wohnsituationen dieser Gruppe in deutschen Städten abbilden – jeweils Fokusgruppen von 20 älteren Migrant_innen ab 60 Jahren gebildet. Diese glichen in ihrer Zusammensetzung nach Ethnien, Religionen, Lebenslagen und Lebensweisen der jeweiligen migrantischen Wohnbevölkerung der einzelnen Quartiere. In den Fokusgruppen wurden mit qualitativen Verfahren zunächst ihre alltäglichen Formen der Selbstorganisation sowie der Raumnutzung erhoben. Über einen Zeitraum von zwei Monaten haben wir von den Fokusgruppenmitgliedern tagebuchähnliche Berichte erhalten (z.T. in ihrer Muttersprache; bei funktionalen Analphabeten auch in mündlicher Form), die uns zeigten, wie sie mit wem und wo ihren Alltag organisieren. In begleitenden Gruppendiskussionen wurden die älteren Migrant_innen auf ihre Alltagsorganisation sensibilisiert (vgl. May/ Alisch 2013: Kap. 3.2) Aus diesem Material haben wir (vgl. ebd.: Kap. 5.1) in komparatischer Weise eine Typologie der Netzwerke sowie der Raumnutzung rekonstruiert, um diese dann später auch quantitativ über die interferenzstatistische Auswertung einer standardisierten mündlichen Befragung an den vier Standorten (n= 801) z.T. in der jeweiligen Muttersprache zu überprüfen (vgl. ebd.: Kap. 5.2). Auf diese Weise sollten zugleich auch solide Informationen über die soziodemographische und soziostrukturelle Verteilung der entsprechenden Orientierungen in den Untersuchungsquartieren gewonnen werden.

Nicht nur um Kategorien zur Erhebung der Engagementbereitschaft der älteren Zugewanderten für diese Befragung zu gewinnen, wurden zuvor mit den vier Fokusgruppen jeweils Zukunftswerkstätten durchgeführt (vgl. ebd.: Kap.3.3). Thema waren die Probleme und Barrieren (= Problemphase) sowie Visionen (= Utopiephase) einer angemessenen Lebensführung dieser Bevölkerungsgruppe. Zudem wurden darauf aufbauend konkrete Projektideen für die jeweiligen Stadtteile (= Konkretisierungs- bzw. Umsetzungsphase) entwickelt. Auch dieses Material wurde nach der gleichen Methode ausgewertet, um zu Typologien der Interessen und Probleme zu kommen (vgl. ausführlich ebd.: Kap. 5.1). Auf der Basis der in den Zukunftswerkstätten entwickelten Projektideen haben wir die Befragung in den Quartieren auch aktivierend angelegt, mit einer Rückkopplung der Ergebnisse in Form von Stadtteilkonferenzen in der Form eines World Café  (vgl. ebd.: Kap. 3.5). So konnten weitere Interessierte für die Umsetzung dieser Projekte gewonnen werden, welche von uns handlungsforschend zu Fragen der Engagementförderung begleitet wurden (vgl. ebd.: Kap. 7.).

Sozialräume zwischen Quartier und Herkunftsland

Auffällig schon bei der Randauszählung der einzelnen Items zu Netzwerken, Raumnutzung, Problemen und Interessen war, dass sich die Standardabweichung durchgängig als so hoch erwies, dass hier Mittelwertangaben zu den älteren Migrant_innen statistisch als nicht sinnvoll erschienen. Dieser Befund unterstreicht nachdrücklich die Heterogenität der von uns untersuchten Bevölkerungsgruppe im Hinblick auf all diese Dimensionen ihres Alltagslebens. Verallgemeinerte Aussagen hierzu, wie sie sich in der Literatur zuhauf finden, erweisen sich somit vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse als wissenschaftlich äußerst problematisch.

In den Kreuztabellierungen zeigten sich dann bei nahezu allen Indikatoren zur Organisation des Alltags die höchsten Zusammenhänge zur Variable ‚Quartier‘. Das bedeutet, dass die Struktur des Gemeinwesens und die sozialräumlichen Bedingungen entscheidend die Lebensbedingungen, den Vergesellschaftungsgrad und die Interessen älterer Migrant_innen prägen. Zusammenhänge zur Variable ‚Herkunftsland‘ oder ‚Religion‘ fanden sich hingegen nur bei Items zu Diskriminierung sowie ganz bestimmten Formen der Vernetzung und räumlichen Organisation (s.u.). Demnach handelt es sich schlicht um Ethnisierungen, wenn in vielen Untersuchungen zu Migrant_innen unbefragt das Herkunftsland als unabhängige Variable fungiert!

Im Hinblick auf das Verhältnis zum Herkunftsland und zur bundesdeutschen Aufnahmegesellschaft zeigt sich – abgesehen von der angesprochenen Problematik solcher Bildung von Durchschnittswerten –  ein hohes Ausmaß transnationaler Praktiken. Rund 70% der von uns Befragten wollen ihren Hauptwohnsitz in Deutschland behalten und nur zu Urlauben ins Herkunftsland reisen. Nicht ganz trennscharf geben 40%sogar an, zwischen ihrem Herkunftsland und Deutschland zu pendeln. Besonders Türkeistämmige präferieren mit rund 60% eine solche Pendelexistenz.

Diese Befunde widersprechen der besonders (neo-)assimilistischen Positionen (vgl. May 2012: Kap. 1. & 3.) der Migrationsforschung zugrunde liegenden Konzeption, wonach Migrant_innen „den ‚Container-Raum’ einer Gesellschaft [wechseln], um sich für längere Zeit oder für immer im ‚Container-Raum’ einer anderen Gesellschaft zu assimilieren bzw. zu integrieren“ (Pries 2003: 26) oder um dort – systemtheoretisch  gesprochen – „Inklusionschancen“ zu realisieren (vgl. Bommes 2003: 49). Im Unterschied zu diesem absoluten Raumkonzept des bundesdeutschen Mainstreams der Migrationsforschung gründet der Transnationalismus – wie Pries (vgl. 2003: 27) betont – auf einer „relativen Raumvorstellung“ (ebd.) von einem „pluri-lokalen transnationalen Sozialraum“ (ebd.).

Dabei betont die transnationalistische Perspektive, dass sich Subjekte durchaus „immer noch in einer konkreten Umwelt verorten“ (Lutz/Schwalgin 2006: 100f.) müssen und sich „weiterhin in einem Feld heteronomer Möglichkeitsräume“ (ebd.) bewegen. Helma Lutz und Susanne Schwalgin verweisen in diesem Zusammenhang auf multiple Begrenzungen der „Handlungsfähigkeit der einzelnen Subjekte durch an einem spezifischen Ort wirksame Regelungen, etwa von Einreise- oder Zulassungsbegrenzungen, (institutionellen) Rassismen etc., sowie von individuellen und kollektiven Differenzfaktoren (Gender, Ethnizität, Klasse, Nationalität etc.)“ (2006: 100f.).

Vor diesem Hintergrund sieht Pries einhergehend „mit der Transnationalisierung der internationalen Migration“ (2006: 25) zwar „die Nationalgesellschaft ihren alleinigen Vergesellschaftungsanspruch“ (ebd.; 2003: 33) verlieren. Im Unterschied zu einer Migrationssoziologie im Anschluss an  Luhmanns Systemtheorie  hebt er jedoch hervor, dass Vergesellschaftung sich damit keineswegs „völlig in einer weltgesellschaftlichen Funktionsdifferenzierung“ (ebd.) auflöse. Luhmann könne „den Gesellschaftsbegriff in seinen flächenextensionalen Aspekten nur so weit (auf den gesamten Globus) ausdehnen, weil er ihn gleichzeitig inhaltlich extrem stark einschränkt, nämlich auf ‚alle Kommunikationen‘“ (Pries 2010: 151). Entsprechend kritisiert Ludger Pries (vgl. 2006: 25) auch eine auf die Luhmannsche Systemtheorie gestützte Migrationssoziologie, in der „alles Materielle und Räumliche per definitionem aus dem soziologischen Fokus herausgenommen“ (ebd.) werde. Sein Vorschlag geht dahin, „den Gesellschaftsbegriff weiterhin und auch explizit auf nationalstaatlich verfasste Verflechtungszusammenhänge zu beziehen und einen anderen Begriff für die allgemeine Thematisierung des Verhältnisses von Räumlichem und Sozialem zu verwenden“ (2010: 152). Geeignet hierfür sieht er den schon angesprochenen Begriff des „Sozialraums“.

„Als relativ dichtes und dauerhaftes relationales Anordnungsgefüge von alltagsweltlichen sozialen Praktiken sowie von ihn konstituierenden spezifische Symbolsystemen und Artefaktestrukturen“ (2003: 27) verteilen sich solche transnationalen Sozialräume auf „mehrere (geographisch-physische) Flächenräume in unterschiedlichen ‚Container-Gesellschaften’“ (ebd.). Solche Sozialräume seien deshalb immer auch in ihrem „spezifischen Verhältnis zu flächenräumlichen Extensionen und Konfigurationen“ (2010: 153) zu analysieren.

In der AMIQUS-Untersuchung zeigten sich in dieser Hinsicht starke Unterschiede zwischen unseren vier Untersuchungsquartieren, die mit den dort jeweils ansässigen Communities zusammenhängen. So pendeln in einem städtischen Quartier mit einer stark ausgeprägten türkischen Community 56% zwischen ihrem Herkunftsland und Deutschland, während es in einem anderen mittelstädtischen Quartier mit einer hohen Anzahl von Spätaussiedlern und Kontingentflüchtlingen nur 6% sind. Stellt das Pendeln unseren Daten zufolge eher eine Angelegenheit älterer Migrant_innen mit formal niedrigen Bildungsabschlüssen dar, bevorzugen Hochgebildete mit 90% eher die Urlaubsvariante. Da diese mit ebenfalls 90% auch sehr stark von Osteuropäern bevorzugt wird, zeigen sich hier erneut Zusammenhänge zum Wohnquartier, in dem diese Gruppe sehr stark vertreten ist.

Zu den bedeutendsten Befunden des AMIQUS Projektes zählt mit Sicherheit, dass im Zusammenhang mit dem von gut 70% der Befragten praktizierten Transnationalismus, eine starke Orientierung auf das deutsche Wohnquartier und dessen Gemeinwesen und ein starker Bezug auf das Herkunftsland und eine Einbindung in entsprechende Netzwerke sich keineswegs ausschließen! So sind ausgerechnet in jenem Untersuchungsquartier, in dem die über verschiedenste Items abgefragten transnationalen Praktiken am weitesten verbreitet sind, gleichzeitig die Bereitschaft, sich sozial für den Stadtteil zu engagieren, am größten. Mit 52% ist diese genauso stark ausgeprägt, wie die Bereitschaft, sich für die Interessen von Zugewanderten einzusetzen.

Damit aber wird die in der bundesdeutschen Migrationsforschung stark verbreitete dichotome Unterscheidung innerethnischer Netzwerke und Vereinigungen von Zugewanderten als entweder innenorientiert  bzw. herkunftslandorientiert (vgl. Haug 2003; Haug/Pointner 2007 ), wenn nicht sogar heimatlandorientiert (vgl. z.B. Diehl/Urbahn/Esser 1998), gegenüber aufnahmelandorientierten Sozialitäten stark in Frage gestellt. Erst recht erscheint es hoch problematisch, aufgrund des durch diese Differenzierung postulierten „Zusammenhang[s] zwischen Dichte und Homogenität sozialer Netzwerke, Ressourcenausstattung und Reziprozität“ (Haug/Pointner 2007: 391), sowohl „Unterschiede zwischen Individuen oder ethnischen Gruppen bezüglich der Ausstattung mit Sozialkapital“ (ebd.) beschreiben, als auch „im Hinblick auf die Integration in die Gesellschaft des Aufnahmelandes“ (ebd.) untersuchen zu können.

So können die Beziehungen eines Typus unserer Netzwerktypologie, den wir als „an Heimatverwandtschaftsnetzwerken orientiert“ bezeichnet haben, durchaus als „herkunftslandspezifisches Sozialkapital“ (Haug/Pointner 2007) gedeutet werden, da dieses sich während der Sommermonate in den Herkunftsländern auch real (re-)konstituiert. Unser Begriff von Heimat, der in der Debatte um migrantisches Sozialkapital häufig auf das Herkunftsland bezogen wird (vgl. z.B. Diehl/Urbahn/Esser 1998), ist jedoch eindeutig auf das Verwandtschaftsnetzwerk bezogen, von dem große Teile den Winter über auch in anderen Teilen der Welt leben können und das sich dann virtuell über das Internet konstituiert.

Zwar finden sich in diesem Typus auch viele wieder, die sich auch unserem als „aus Netzwerken zurückgezogen / nichtvernetzt“ bezeichneten Typus zuordnen lassen, der rund 1/5 der Befragten umfasst. Auch hier differiert jedoch die Verbreitung in den verschiedenen Untersuchungsquartieren enorm. Selbst dieser, vom hiesigen gesellschaftlichen Leben zurückgezogenen, Teilgruppe kann jedoch kaum eine Integrationsunwilligkeit unterstellt werden. So konnten wir auf der Basis unseres qualitativen Materials durchaus unterschiedliche Hintergründe für einen solchen Rückzug erkennen. Beispielsweise findet in verschiedenen kulturellen Traditionen grundsätzlich ein Rückzug im hohen Alter statt. Zum Teil ziehen sich Alte jedoch auch aus Resignation oder Trauer zurück, weil ihnen in Deutschland nicht die von ihrer Herkunftskultur her erwartete Altersehre (ausgedrückt z.B. in der Institution des ‚Ehrbesuches‘), entgegengebracht wird. Zum Teil verfügen die Alten aber schlicht nicht über die Ressourcen (mangelnde körperliche Beweglichkeit, mangelnde materielle Ressourcen für Fahrtkosten und Gastgeschenke), um sich an auf Wechselseitigkeit gerichteten Netzwerken zu beteiligen.

Die Bedeutung starker und schwacher Beziehungen für Partizipation

In dem von Haug/Pointner postulierten „Zusammenhang zwischen Dichte und Homogenität sozialer Netzwerke, Ressourcenausstattung und Reziprozität“ (2007: 391) greifen diese unter anderem auch auf Granovetters (1973) These der Stärke schwacher Beziehungen zurück, wonach weak ties aufgrund ihrer im Vergleich zu strong ties geringen Redundanz Zugänge zu ganz anderen Netzwerkarealen zu erschließen und folglich auch größere Netzwerkdistanzen zu überbrücken erlaubten. Granovetters Unterscheidung zwischen strong und weak ties wurde dann in der Sozialkapital-Debatte nicht nur als zeitlich und räumlich „dicht miteinander verwoben[es]“ versus „sehr dünn geflochtene[s], fast unsichtbare[s] Gewebe von Sozialkapital“ (Putnam/Goss 2001: 26) reformuliert. Verknüpft wurde sie zudem mit der an der Interessenwahrnehmung der Netzwerkmitglieder orientierten Unterscheidung zwischen

a)      innenorientiertem Sozialkapital (ebd.: 27 f.), was häufig korrespondiere mit einem bonding (or exclusive) (Putnam 2000: 22) bzw. bindendem Sozialkapital (Putnam/Goss 2001: 28), das nicht nur in primären, mikrosozialen Netzwerken zu finden sei, sondern auch in solchen, die „ähnliche Menschen“  in „einigen Punkten (wie Ethnizität)“ (ebd.) zusammenbringe, und

b)      außenorientiertem Sozialkapital (ebd.: 27f.), das demgegenüber auf den Bestand und die Verbesserung des gesamten Gemeinwesens bezogen sei und sich damit in aller Regel zugleich als bridging (or inculsive)  (Putnam 2000: 22) bzw. brückenbildendes Sozialkapital auf Netzwerke beziehe, „die völlig unterschiedliche Menschen zusammenbringen“ (Putnam/ Goss 2001: 28).

An diese Debatten anschließend geht Esser „sozialtheoretisch“ davon aus, dass „die für die funktionale System-Integration nötigen Interdependenzen“ (2010: 385) sich vor allem über jene weak ties einstellten. Dass demgegenüber sich in ethnischen communities vor allem strong ties ausbildeten, führt er auf „die schon mit steigender Gruppengröße strukturell einsetzende“ (ebd.: 387) Zunahme „binnenethnische[r] Opportunitäten“ (ebd.) zurück. Pfadabhängig hätte dies „zur Folge, dass dann weniger in die aufnahmelandspezifischen Ressourcen investiert wird, die zu einem Aufstieg dort hätten verhelfen können“ (ebd.). Obwohl Esser zugesteht, dass seine sozialtheoretischen Annahmen „kaum untersucht worden“ (ebd.: 388) seien, wird mit Hilfe des strong ties-Argumentes bis heute in der von ihm geprägten Schule bundesdeutscher Migrationssoziologie, der auch Haug/Pointner zuzurechnen sind, in dieser Weise sowohl die mangelnde „Sozial-“ wie „Systemintegration“ erklärt.

Sicher lässt sich bei den rund 2/3 von uns Befragten, die dem „in familiäre Netzwerke eingebunden Typus“ zuzurechnen sind, davon ausgehen, dass diese Verbünde sich als „strong ties“ charakterisieren lassen. Gleiches gilt für die Qualität der Beziehung des von uns als „in private Freundschaftsnetzwerke eingebunden“ bezeichneten Typus. Hier lassen sich etwa die Hälfte der Befragten zuordnen und er ist für die aus Osteuropa Zugewanderten von besonders hoher Bedeutung. Entsprechend ist dieser Typus auch in jenem Untersuchungsquartier besonders stark vertreten, in dem vor allem Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge leben. Ebenfalls sind Frauen in diesem Typus stärker vertreten als Männer. Die im Diskurs um migrantisches Sozialkapital häufig verwendete Charakterisierung als „innenorientiertes Sozialkapital“ (Putnam/Goss 2001: 27 f.), korrespondierend mit einem „bonding (or exclusive)“ (Putnam 2000: 22) bzw. „bindendem Sozialkapital“ (Putnam/Goss 2001: 28), hätte neben dem „in familiäre Netzwerke eingebundenen Typus“ am ehesten hier seine Berechtigung.

Gerade bei den Männern finden sich starke Überlappungen zu einem Typus, den wir in unserer Raumtypologie als „Flaneur“ bezeichnet haben. Von ihm unterscheiden sich die „privaten Freundschaften“ lediglich durch die engeren Bindungen („strong ties“). Insgesamt sind rund 60% unserer Befragten in solche „Flaneurs-Netzwerke“ eingebunden, über die relevante Informationen weitergegeben werden bzw. zirkulieren. Stark ausgeprägt ist dieser Typus in Untersuchungsquartieren mit großen ethnischen Communities. Vor allem für die noch durch den landwirtschaftlich / handwerklichen Erfahrungszusammenhang herkunftskulturell Geprägten scheinen solche „Flaneurs-Netzwerke“ die Hauptinformationsquelle zu sein. Wo solche Umschlagplätze für Informationen sind, ist geschlechtsspezifisch: Für Männer spezieller Communities sind Cafébesuche von besonderer Relevanz, während für Frauen ein mit dem Einkauf verknüpftes Treffen in bestimmten (z.T. auf die eigene Kultur spezialisierten) Läden im Vordergrund steht. Deutlich wird gerade in diesem Typus, dass es für viele ältere Zugewanderte neben den „strong ties“ ihres meist familiären Umfeldes eine ganze Reihe von „weak ties“ gibt. Diese müssen sich auch gar nicht auf aus dem gleichen Land Stammende beschränken.

Ähnliches gilt für die Beziehungen des „in nachbarschaftliche Hilfsnetzwerke eingebunden“ Typus, dem rund 2/3 unserer Befragten zuzuordnen sind, und der nur in einem Untersuchungsquartier, das quasi als „Bahnhof“ für Zugewanderte fungiert, aufgrund der hohen Bevölkerungsfluktuation deutlich weniger ausgeprägt ist. In unseren qualitativen Daten lassen sich sowohl nachbarschaftliche „strong“ als auch „weak ties“ identifizieren. Während sich die Beziehungen zur autochthonen deutschen Nachbarschaft meist auf „weak ties“ beschränken, werden zu aus dem gleichen Herkunftsland Stammenden oder anderen Nachbar_innen mit Migrationsgeschichte weitaus häufiger auch „strong ties“ entwickelt und gepflegt. Diese entstehen als Hilfsnetzwerke vor allem über eine gemeinsame Migrationsgeschichte. Bisweilen tragen solche nachbarschaftlichen Beziehungen sogar nicht unerheblich zur eigenen Reproduktion bei (z.B.: gemeinsames Kochen, das so billiger wird; Weitergabe von Produkten des eigenen Gartens; Hilfs- und Versorgungstätigkeiten). Zudem ist in islamischen Kulturen Nachbarschaftshilfe ein hohes – teils wichtiger als die Pflege verwandtschaftlicher Netzwerke erachtetes – Gut und entsprechend sogar zum Teil ritualisiert.

Mit innenorientierten, herkunfts- oder sogar heimatlandorientiertem, bindendem Sozialkapital werden in der entsprechenden Migrationsdebatte vor allem ethnische Kulturvereine oder religiöse Gemeinschaften assoziiert. Zu Recht hat Norbert Cyrus (vgl. 2005: 56) in diesem Zusammenhang kritisch darauf hingewiesen, dass obwohl Moschee-Vereinigungen als solche in den Herkunftsländern gar nicht vorkommen, ihre Bedeutung über die Etikettierung als „herkunfts-“ bzw. „heimatlandorientiertes Sozialkapital“ mit den kulturellen Eigenschaften der eingewanderten Gruppen zu erklären versucht werden. Genealogisch betrachtet seien sie jedoch nur aus den Wechselwirkungen mit den Einrichtungen des Gastlandes heraus zu verstehen und müssten in der Forschung entsprechend analysiert werden.

In unserer Typologie, haben wir solche migrantischen Organisationen, die eine hohe Kohäsion aufweisen und dabei sehr auf sich selbst bezogen bleiben, als „in ein isoliertes, institutionalisiertes Netzwerk eingebundener Typus“ bezeichnet. Zweifellos lassen sich die Beziehungen in solchen Assoziationen als „innenorientiertes Sozialkapital“, korrespondierend mit einem „bonding (or exclusive)“ bzw. „bindendem Sozialkapital“ charakterisieren. Keinesfalls jedoch müssen sie dabei immer schon den Charakter von „strong ties“ annehmen. Hoch interessant ist nun der Befund von AMIQUS, dass nur knapp 10% unserer Befragten sich diesem Typus zurechnen lassen. Ausgerechnet in dem Untersuchungsquartier, das sowohl eine große griechische als auch türkische Community aufweist, fand sich dieser Typus mit Abstand am geringsten ausgeprägt. Starke positive Zusammenhänge zeigten sich in den Kreuztabellierungen nur zu den herkunftsbezogen unter den Angehörigen „sonstiger Nicht-EU-Staaten“- nicht jedoch zu Türkeistämmigen oder Muslimen, denen solche „parallelgesellschaftlichen Strukturen“ (vgl. z.B. Sauer 2010) im herrschenden öffentlichen Diskurs gerne unterstellt werden. Unsere qualitativen Untersuchungen zeigen, dass solche „isolierten, institutionalisierten Netzwerke“ vor allem von Angehörigen dissidenter Kulturen präferiert werden, die in ihrer (Migrations-)Geschichte großer Verfolgung ausgesetzt waren, wie z. B. den Armeniern, die dann auch aufgrund ihrer geringen Anzahl in unserer Stichprobe unter „sonstige Nicht-EU-Staaten-Angehörige“ subsumiert wurden. In unseren Fokusgruppen öffneten sich jedoch auch diese recht schnell gegenüber den Anderen.

Den von Haug/Pointner postulierten „Zusammenhang zwischen Dichte und Homogenität sozialer Netzwerke, Ressourcenausstattung und Reziprozität“ (2007: 391) in vielerlei Hinsicht sprengend, erwies sich ein von uns als „in spezieller peer-group und darüber vermittelt auch mit anderen vernetzt“ bezeichneter Typus, dem sich rund 35% unserer Befragten zuordnen lassen. Dieser bildet sich stärker formalisiert als Freundschaftsnetzwerke, aber nicht vereinsmäßig institutionalisiert, als häufig zunächst geschlechtshomogene peer-group in halböffentlichen Räumen der Gemeinwesen- und / oder Migrationsarbeit. Deshalb ist dieser Typus in den beiden Quartieren unserer Untersuchung besonders stark ausgeprägt, in dem es solche Orte gibt, während er sich in dem als „Bahnhof“ für Zugewanderte fungierendem Untersuchungsquartier ohne eine solche Infrastruktur kaum findet. Es sind vor allem durch den landwirtschaftlich / handwerklichen  Erfahrungszusammenhang herkunftskulturell Geprägte, die solche Orte und damit auch die durch sie begünstigten Vernetzungsformen präferieren. Zwar ließen sich deren Beziehungen als peers untereinander auch als „strong ties“ charakterisieren. Unsere Abgrenzungen solcher peer-Beziehungen als im Vergleich zu Freundschaftsnetzwerken zwar zum Teil weniger kohäsiven, dennoch aber sehr dichten Kontakte, die zudem stärker formalisiert sind als diese, ohne allerdings vereinsähnliche Strukturen zu entwickeln, zeigen jedoch, wie differenzierungsbedürftig die Kategorie der „strong ties“ ist. Hinzu kommt, dass sich unser Typus keineswegs in diesen erschöpft, weshalb es sich bei den entsprechenden „strong ties“ auch keinesfalls um „innenorientiertes Sozialkapital“ oder „bonding (or exclusive)“ bzw. „bindendes Sozialkapital“ handelt. Vielmehr vernetzen sich diese peers durch die Nutzung der entsprechenden halböffentlichen Orte und ihrer zum Teil übergreifenden Angebote (z.B. Feste) nicht nur untereinander, sondern auch locker mit anderen Nutzer(gruppe)n dieser Räume und Angebote. Die sich in dieser Weise zunächst entwickelnden „weak ties“  können sich jedoch über gemeinsame Aktivitäten rasch zu „strong ties“ wandeln.

Ähnlich sucht ein „in speziellen Organisationen und darüber vermittelt auch mit anderen vernetzter Typus“, dem sich rund ¼ unserer Befragten zuordnen lassen, über die starke Eingebundenheit in das Engagement einer herkunftskulturellen Organisation (Verein oder kirchliche Gemeinde), seinen / ihren Platz im Gemeinwesen, indem sie sich auch mit Aktiven anderer Organisationen vernetzen. Wie im zuletzt geschilderten Typus können die in dieser Weise zunächst entstehenden  „weak ties“ sich ebenfalls über gemeinsame Aktivitäten zu „strong ties“ weiterentwickeln. Allerdings scheint dies durch den eher formalisierten Charakter der vereinsbezogenen Kontakte weitaus seltener der Fall zu sein als in dem zuvor geschilderten Typus. Es sind vor allem Menschen, die in ihren Herkunftsländern vergleichsweise hohe Bildungsabschlüsse erzielten und im Unterschied zu Deutschland dort auch in entsprechenden Berufen gearbeitet haben, die solche Organisations- und Vernetzungsformen präferieren. Besonders ausgeprägt findet er sich in unserem großstädtischen Quartier, in dem viele Männer, die gewerkschaftlich organisiert waren / sind, wohnen und in dem eher ländlich / mittelstädtischen Quartier, in dem viele Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge leben. Unterrepräsentiert ist er in dem als „Bahnhof“ für Zugewanderten fungierenden Untersuchungsquartier.

Organisations- und Partizipationserfahrungen aus den Fokus- und Projektgruppen

Wie schon zu Beginn angedeutet, wollten wir in unserem Praxisforschungsprojekt solche Organisations- und Vernetzungsformen nicht einfach bloß empirisch rekonstruieren, sondern auch partizipativ initiieren. Dies betrifft schon die von uns ja künstlich nach repräsentativen Kriterien zusammengestellten Fokusgruppen zur Erhebung ihrer Alltagsorganisation und Raumnutzung. Allerdings wollten wir es in der ersten Projektphase den Mitgliedern der Fokusgruppe zunächst selbst überlassen, ob sie sich im Plenum oder nach Untergruppen ihrer Wahl – beispielsweise nach Herkunftsland, Geschlecht, oder Religion – organisieren. Wichtig erschien uns, dass eine Atmosphäre des Vertrauens entsteht, um auf diese Weise die Qualität der Erhebung ihrer Netzwerke und ihrer Raum- bzw. Infrastrukturnutzung zu verbessern. Zu unserer Überraschung kam es jedoch zu keiner solchen Untergruppenbildung.

Hierfür gibt es unterschiedliche Erklärungsgründe: Zum einen wurden die älteren Migrant_innen von uns ja nicht nur als Expert_innen ihrer sehr spezifischen Lebenswelt angesprochen, sondern es war ihnen klar, dass sie zusammengenommen als Fokusgruppe die Situation von älteren Migrant_innen im jeweiligen Quartier allgemein repräsentieren sollten. Darüber hinaus entdeckten sie zu Beginn der Gruppenarbeit selbst eine Gemeinsamkeit, die dann auch in allen Fokusgruppen artikuliert wurde: So hatte niemand von ihnen zuvor es erlebt, dass offizielle Vertreter_innen des Landes, in dem sie leben, spürbar Anteil an ihnen, ihren Problemen und ihren Interessen genommen hätte – geschweige denn, dass ihnen von dieser Seite eine Kompetenz zur Gestaltung dieses Lebens zugesprochen worden wäre. Von unserem, durch ein Bundesministerium geförderten, Projekt aber waren sie ‚berufen‘ worden, im Anschluss an eine erste Phase der Erhebung ihrer Alltagsorganisation dann auch in einer Zukunftswerkstatt Projekte zur Verbesserung ihrer Lebensqualität zu planen. Vor allem jene Fokusgruppenmitglieder, die mit höheren Bildungsabschlüssen und zum Teil auch dem entsprechenden Berufen aus ihrem Herkunftsland nach Deutschland eingewandert waren, aber hier nur in minderqualifizierten Berufsfeldern eine Anstellung gefunden hatten, vermittelten den Eindruck, dass sie geradezu davon beglückt waren, nun endlich mit ihren Kompetenzen ‚entdeckt‘ worden zu sein.

Umgekehrt entstand dadurch bei einigen der (funktionalen) Analphabet_innen, die ja auch eine fremde Unterstützung brauchten, um ihre Sozialraum / Netzwerk-Tagebücher zu führen – bzw. ‚nur‘ in Interviews über ihre Tagesabläufe Auskunft geben konnten – das Gefühl von Minderwertigkeit. In einem Untersuchungsquartier wurde es sogar erforderlich, um sie in der Gruppe zu halten, die Analphabet_innen zunächst in eine eigene Untergruppe zu fassen. Als dann aber in ihren Tagesberichten deutlich wurde, welch große Leistungen sie als durch ihre landwirtschaftlich / handwerklichen Erfahrungen Geprägte in der Versorgung ihrer Familien, Verwandtschaft und jeweiligen Community durch den Anbau von Obst und Gemüse im eigenen Garten, das Ernten frei zugänglicher Früchte und Kräuter, das Reparieren oder Herstellen von Gebrauchsgütern etc. erbringen, wuchs auch ihr Stolz, sodass auch diese Fokusgruppe rasch wieder zusammengeführt werden konnte.

Unterschiede zwischen denjenigen, die in ihrem Herkunftsland vergleichsweise hohe Bildungsabschlüsse erworben und dort zumeist auch in entsprechenden Berufen gearbeitet hatten, und den noch sehr stark durch einen landwirtschaftlich / handwerklichen Erfahrungszusammenhang bildungs- und herkunftskulturell Geprägten zeigten sich dann weiterhin auch in den Zukunftswerkstätten – besonders bei der Utopie- und der daran anschließenden Konkretisierungsphase. So entwickelten Erstere Projektideen, in denen sie ihre Kompetenzen zum Tragen bringen können, wie bspw.: Gesundheitsberatung in russischer Sprache (von in der ehemaligen Sowjetunion ausgebildeten, in Deutschland aber nicht approbierten Ärzt_innen); Erziehungsberatung für migrantische Familien (von im Herkunftsland ausgebildeten, hier jedoch nicht anerkannten Pädagog_innen). Aber auch Ideen, wie aus Müll am Flussufer Kunstwerke zu produzieren, oder ein Musical aufzuführen, verweisen auf einen entsprechenden kulturellen Bildungshintergrund. Auf der anderen Seite lassen sich viele Projektideen derjenigen, die noch sehr stark von einem landwirtschaftlich / handwerklichen Erfahrungszusammenhang bildungs- und herkunftskulturell geprägt wurden, als Versuche lesen, neue Formen der Öffentlichkeit für das „Produktionsprinzip“ der ursprünglichen Hausgemeinschaft zu schaffen. Beispiele hierfür sind Initiativen zur Einrichtung öffentlicher Gärten sowie von Werkstätten – sowohl für Näharbeiten als auch für handwerkliche Reparatur- und Konstruktionsarbeiten –, bis hin zu neuen Formen wechselseitiger Versorgung im Alter.

Negt und Kluge (vgl. 1981: 977) haben in ihrer historischen Rekonstruktion der „ursprünglichen Hausgemeinschaft (Familienallianz)“ herausgearbeitet, dass dort die Kategorie der Produktion nicht nur auf „ursprüngliche Bodenbearbeitung“ und „Selbstversorgung mit Gebrauchsgütern“ (ebd.), sondern auch auf „Kinder – Sinne, Gemeinwesen“ (ebd.) bezogen gewesen sei. Produktion und Konsumtion hätten auf diese Weise in der ursprünglichen Hausgemeinschaft ebenso eine Einheit gebildet wie Ökonomie und Soziales. Auf diese Weise sehen sie das „Produktionsprinzip“ des „Ganzen Hauses“ gegen das „Abstraktionsprinzip, z.B. des Kriegs, des Raubs oder der Unvollständigkeit des äußeren Gemeinwesens“ (ebd.) stehen. Im AMIQUS-Projekt konnten wir dies bei vielen der älteren Zugewanderten, die in ihren Heimatländern noch durch den mit Subsistenzwirtschaft und landwirtschaftlich / handwerklicher Produktionsweise verbundenen Erfahrungszusammenhang geprägt wurden, dahingehend nachvollziehen, als diese das damit verbundene „Produktionsprinzip“ auch noch in unsere Gesellschaft versucht haben herüber zu retten. Dort tritt ihnen das „Abstraktionsprinzip“ heute vor allem in den vielen für sie unüberschaubaren, anonymen Strukturen und Formalisierungen als „Unvollständigkeit des äußeren Gemeinwesens“ gegenüber.

Noch gravierender wirkten sich solche bildungs- und herkunftskulturellen Prägungen dann in der dritten Projektphase aus, in welcher die in den Zukunftswerkstätten entwickelten Ideen – handlungsforscherisch durch AMIQUS begleitet – über die anschließende aktivierende Befragungen gemeinsam mit Praxispartnern vor Ort umzusetzen versucht wurden. So zeigte sich, dass Anlässe des Engagements für die formal höher Gebildeten vor allem aus persönlichen Motiven heraus erwachsen und sehr stark auf Selbstverwirklichung zielen. Demgegenüber entstehen Engagementanlässe bei denen noch sehr stark vom landwirtschaftlich / handwerklichen Erfahrungszusammenhang bildungs- und herkunftskulturell Geprägten in erster Linie aus dem sozialen Zusammenhang heraus und erhalten für die Aktiven erst durch diesen ihren Sinn. Substantiell richtet sich ein solches Engagement vor allem auf die Kompensation oder Überwindung von Restriktionen ihres Lebenszusammenhangs.

War es Ziel dieser dritten Arbeitsphase von AMIQUS engagementbereite ältere Zugewanderte bezogen auf die in den Zukunftswerkstätten entwickelten Projektideen nicht „nach Köpfen“ [weil diese ganz unterschiedliche Bedürfnisse vereinen können d.V.], „sondern nach Interessen“ (Negt 1977; May 2008a: Kap. 5) zu organisieren, zeigte sich schon bei der Projektentwicklung in den Zukunftswerkstätten, vor allem aber in der Umsetzung, dass dies in erstaunlichem Ausmaß gelang; engagierten sich doch viele gleich in unterschiedlichen Projekten. So organisierten die von AMIQUS aktivierend Befragten ihre Interessen als Bürger_innen ihres Wohnquartiers in Initiativen zur Verkehrsberuhigung oder zum Umweltschutz und anderen Formen bürgerschaftlichen Engagements. Insgesamt 38% aller von uns Befragten signalisierten diesbezügliche Engagementbereitschaften. Nahezu gleich hohe Bereitschaften zeigten sich bei diesen Gruppen bezüglich eines Engagements für migrantische Interessen, das sich in Initiativen wie beispielsweise für die doppelte Staatsbürgerschaft oder in Beratungsinitiativen zum Umgang mit Behörden konkretisierte. Insgesamt 42% der Befragten bekundeten hier Interesse. In dem Untersuchungsquartier mit einem sehr hohen Anteil ehemals gewerkschaftlich organisierter Männer, waren es sogar 60%.

Spezifische Fraueninteressen organisierten sich in Initiativen für Frauentreffs, Frauenkaffees oder auch Frauensport. 45% unserer weiblichen Befragten zeigten sich an solchen Initiativen interessiert, Migrantinnen mit höheren Bildungsabschlüssen sogar zu 60%. Ihre „Berufung“ als Professionelle, die sie hier in Deutschland nicht beruflich realisieren konnten, wurde über Projekte wie Gesundheits- oder Familienberatung zu verwirklichen gesucht. 59% der entsprechend Qualifizierten und 34% aller Befragten zeigten sich an einem solchen Engagement interessiert.

Partizipationshemmnisse

Wenn zu Beginn auf die im Rahmen der Erprobung des Indikatorensets zum bundesweiten Integrationsmonitoring formulierte Hypothese verwiesen wurden, dass im Hinblick auf „die geringere Chance auf gesellschaftliche Beteiligung“ (ISG/WZB 2009: 169) älterer Zugewanderter der ersten Generation, „Sprachkenntnisse, geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen, geringere Gelegenheitsstrukturen sowie Benachteiligungserfahrungen eine Rolle“ (ebd.) spielen könnten, dann haben sich alle diese Vermutungen im AMIQUS-Projekt bestätigt. Während jedoch im herrschenden öffentlichen Diskurs vor allem Sprachschwierigkeiten und traditionelle Geschlechtsrollenvorstellungen (z. B. Kopftuchdebatte) problematisiert werden, erwiesen sich in der dritten Arbeitsphase von AMIQUS „geringere Gelegenheitsstrukturen sowie Benachteiligungserfahrungen“ (ebd.) als gravierendste Partizipationshemmnisse. Dabei zeigte sich auch, dass sich hinter problematisierten fehlenden Kompetenzen der älteren Zugewanderten häufig eigentlich „geringere Gelegenheitsstrukturen“ verbergen.

So sind häufig schon, um institutionalisierte Angebote nutzen zu können, bereits Ressourcen notwendig. Hier werden nicht nur Sprachkompetenzen,  sondern auch die Fähigkeit vorausgesetzt, mit administrativen Systemen (Anträge stellen, Informationswege kennen, etc.) umgehen zu können. Zum Teil sind Partizipationsgelegenheiten jedoch auch an finanzielle Ressourcen (Teilnehmerbeiträge; Busfahrkarten, um zu den entsprechenden Orten zu kommen) gebunden, über die Teile der älteren Migrant_innen nicht verfügen. Statt eine für alle nutzbare soziale Infrastruktur zu etablieren, scheinen die Kommunen und Träger gegenwärtig eher auf eine individuelle Beantragung solcher Grundressourcen zu setzen, um sich weitere Hilfe in institutionalisierter Form zu erschließen, wie z.B. Berechtigungsscheine; Ferienpass; individuelle Zuschüsse. Im Hinblick darauf werden für (ältere) Migrant_innen als Klientel allenfalls spezielle Beratungssysteme zu etablieren versucht (Lotsensysteme, Hilfen bei Behördengängen, dem Ausfüllen von Formularen, etc.). Auch bei diesen Beratungs-Ressourcen stellt sich allerdings das Problem, wie die älteren Zugewanderten zu diesen Angeboten Zugang finden, liegt es doch letztlich in ihrer Verantwortung, um solche Hilfen für die Hilfen zu ersuchen. 

In AMIQUS wurde darüber hinaus versucht, informelle Netzwerke migrantischer Selbsthilfe, deren zuvor unvorstellbare Breite erst durch die AMIQUS-Befunde (vgl. Alisch/May 2013; Alisch/May 2013a) ins Licht wissenschaftlicher und politischer Öffentlichkeit gerückt wurde, zu Formen öffentlicher Selbstorganisation weiterzuentwickeln. Hier zeigte sich, dass für bisher nur in spontanen Selbstregulierungen in auf Wechselseitigkeit ausgerichteten Netzwerken der Selbsthilfe erfahrene ältere Migrant_innen aus einem bis dato häufig auf Situationsbewältigung und Unmittelbarkeit ausgerichteten Lebenszusammenhang – dem jegliche Grundlage für eine solide Zukunftsplanung schlicht fehlt(e) –, schon eine große Herausforderung darstellt, zur Veränderung ihrer misslichen Lage eine mittel- und langfristige Planung zu entwickeln.

Hinzu kommt, dass Interessen von Menschen mit einem solchen Erfahrungshintergrund erst aus einem gesicherten sozialen Zusammenhang heraus an Kontur und Direktion gewinnen. In Ansätzen ist dies in den Fokusgruppen und den Zukunftswerkstätten von AMIQUS durchaus gelungen. Häufig wurden jedoch auch dort ‚nur‘ Ideen bezüglich eines sozial-räumlichen Rahmens artikuliert, in dem sich konkretere Interessen dann erst entwickeln können oder auch Ressourcen zu ihrer Realisierung finden.

Eine solchen sozial-räumlichen Rahmen waren (Kosten-)Träger angesichts einer nicht Vollauslastung von Angebote ihres institutionalisierten Hilfesystems nicht bereit, zusätzlich zur Verfügung zu stellen: Entweder wurde gefordert, dass die älteren Migrant_innen sich in ähnlich gelagerte Angebote von Einrichtungen – evtl. auch mit entsprechender professioneller Unterstützung – zu integrieren hätten oder es wurde sogar erwartet, dass sie – durch AMIQUS gestützt – sich dort ihren Platz selbst erkämpfen und damit die Institutionen verändern sollten.

Die erste, sehr häufig geäußerte Forderung wurde jedoch von vielen aus der AMIQUS-Zielgruppe als Nichtanerkennung, wenn nicht sogar als Missachtung und in der Folge als Aufforderung zur Selbstaufgabe erfahren. Demgegenüber haben sie selbst bei durch AMIQUS motivierten Versuchen einer kollektiven Nutzung von bisher nur durch Autochthone frequentierten Angeboten häufig die Erfahrung von Skepsis, mangelndem Interesse und Entgegenkommen sammeln müssen. Vor dem Hintergrund früherer negativer Erfahrungen mit Formen (institutioneller) Diskriminierung, fehlte vielen der älteren Menschen so die Kraft, sich in den institutionalisierten Angeboten selbst zu behaupten.

Zudem ist gerade für ältere Migrant_innen, die in ihrer Biographie durchaus negative Erfahrungen mit staatlichen Institutionen sammeln mussten (34% haben laut AMIQUS-Befragung institutionelle Diskriminierung erfahren; 44% fühlen sich als Menschen 2./3. Klasse behandelt), der Ansatz einer konsequenten Selbstbestimmung Voraussetzung, damit diese sich überhaupt in breiterem Maße auf eine ernstgemeinte partizipative Projektentwicklung einlassen. So waren viele nur bereit, sich für etwas zu engagieren, was sie selbst entschieden haben und mit dem sie sich auch identifizierten. Als besonders schwierig für die Betroffenen wirkte sich dann aus, wenn die subjektiv mit einiger Kraft überwundenen Widerstände bei der Nutzung von Einrichtungen, die bisher meist nur Autochthonen zur Verfügung standen, nun als „interkulturelle Öffnung“ und Integrationsleistung dieser Institutionen selbst ausgegeben wurden.

Hintergrund dafür ist, dass heute politische Steuerung vor allem über Programme und weniger sozialstaatlich über eine entsprechende Förderung sozialer Infrastruktur erfolgt. Mit einer zunehmend projektförmigen Art der Förderpolitik, müssen auch viele Institutionen der Gemeinwesen- und Migrationsarbeit ihre Zielgruppen so zunächst einmal klientifizieren, um überhaupt Projektmittel für sie beantragen zu können. Fließen dann Fördergelder, stellen sich für die Träger und Leistungserbringer hohe Legitimationsanforderungen, die sich auf zumeist quantifizierbare (Qualitäts-)Indikatoren oder angebliche Wirkungen (vgl. May 2011) ihrer Arbeit beziehen. Vor diesem Hintergrund sind dann zum Teil sogar Projekte, die im Rahmen von AMIQUS von den älteren Migrant_innen selbstbewusst entwickelt wurden, auch als Produkte der Arbeit von Institutionen ausgegeben worden.

Vor dem Hintergrund solcher Enteignungserfahrungen zeigten sich dann viele der im Rahmen von AMIQUS-Projekten Engagierten skeptisch gegenüber weiteren dialogisch orientierten Angeboten von Institutionen bzw. einer Zusammenarbeit mit Autochthonen. Sicherer fühlten sie sich, wenn entsprechende Einladungen von ihnen selbst ausgingen. Allerdings wurden diese von den Autochthonen nur selten und in der Regel bloß von Angehörigen eines entsprechend offenen soziokulturellen Milieus angenommen.              

Um bestehende Infrastrukturen zu nutzen, mussten sich die im Rahmen von AMIQUS im Rahmen der Zukunftswerkstätten entwickelten und dann durch aktivierende Befragung und offenen Stadtteilkonferenzen angestoßenen Projektinitiativen, wenn sie nicht gleich gänzlich als Angebot dieser Institution subsumiert werden wollten, zumindest stärker formalisieren. Zudem rückte durch den skizzierten Legitimationszwang der Träger, die ihre Infrastruktur für solche AMIQUS-Initiativen öffneten, die Außenwirkung solcher Projekte mehr und mehr in den Vordergrund.

Zum Teil haben sich die formal gebildeten Projektaktiven auf Beides eingelassen, weil sie selbst hierdurch bisher versagte Anerkennung erfahren haben. Demgegenüber haben diejenigen, für die – bildungs- und herkunftskulturell noch stark geprägt durch den landwirtschaftlich / handwerklichen Erfahrungszusammenhang – eher die interaktive Dimension und der soziale Zusammenhalt im Vordergrund der Projektgruppenarbeit stand, sich nur so lange beteiligt, wie aus diesem sozialen Zusammenhang der Gruppe spontan heraus erwachsende Ideen gemeinsam zu realisieren versucht wurden. Im Zuge der stärkeren Formalisierung und Überformung solcher Ideen durch deren Institutionalisierung haben sie sich weitgehend aus den Projekten zurückgezogen. Allerdings vollzog sich gerade der Rückzug dieser nicht formal Gebildeten in ihren gewohnten Alltag, der in seinen informellen Selbsthilfestrukturen für sie zumindest verlässlich und sicher erscheint, eher im Stillen und schleichend. Häufig wurde dieser deshalb seitens der Professionellen und Institutionen wiederum ihnen selbst, bzw. ihrem mangelnden Interesse oder ihrer fehlenden Integrationsbereitschaft zugeschrieben, bis dahin, dass einige Institutionenvertreter_innen dadurch die These der Rückzugstendenzen dieser „Generation“ in parallelgesellschaftliche Strukturen untermauert wähnten.

Als weiteres Partizipationshemmnis erwies sich, dass bei im Rahmen von Zukunftswerkstätten entwickelten, durch die repräsentative, aktivierende Befragung untermauerten und in offenen Seniorenkonferenzen angestoßenen innovativen Projektinitiativen, für die es bisher kein (ähnliches) bereits institutionalisiertes Angebot gab, Forderungen bezüglich einer materiellen oder infrastrukturellen Unterstützung in Reibung mit dem herrschenden Demokratieverständnis und seiner kommunalen Praxis gerieten. So erfolgt die demokratische Legitimation der Kommune in Deutschland ja über Wahlen von Parlamentarier_innen und von ihnen (oder direkt durch die Bevölkerung) gewählten Amtsträger_innen. Auch die hoch individuellen Entscheidungen einer_s jeden Beamten_in oder kommunalen Angestellten sehen sich dadurch demokratisch legitimiert, dass diese im Auftrag seines_ihres demokratisch gewählten Vorgesetzten getroffen werden. Das Problem der Gruppe der älteren Migrant_innen besteht diesbezüglich allerdings darin, dass der Teil von ihnen, der nicht aus EU-Staaten stammt, weder über ein aktives noch passives Wahlrecht verfügt. Auch Ausländerbeiräte werden von den Zugewanderten häufig nicht als „bottom-up“ Transmissionsriemen erfahren. Im Gegenteil haben darin (früher) Engagierte die Erfahrung sammeln müssen, dass die formal-demokratisch legitimierten Amtsträger dieses Gremium als Instrument der Popularisierung ihrer Politik zu instrumentalisieren versuchen.

Von Seiten der kommunal für Sozialplanung und Integrationspolitik Autorisierten, wurde nun zum Teil auch die Legitimation solcher von AMIQUS ermittelten und zum Teil in ihrer Organisation unterstützten Interessen in Zweifel gezogen. Diese Interessen wurden nur dann und insoweit aufgegriffen, als sie den jeweiligen kommunalen Integrationskonzepten und Hilfeplanungen sowie den jeweiligen politischen Schwerpunktsetzungen sowie (Öffentlichkeits-)Strategie dazu entsprachen, in Verbindung mit den bereits skizzierten Formalisierungsanforderungen. Im anderen Falle wurde den engagierten älteren Migrant_innen abverlangt, dass sie ihre Interessen zunächst präzise und den jeweiligen Förderprogrammen von Kommune, Land, Bund oder EU gemäß artikulieren und formulieren müssen, bevor ihre Interessen eine Chance haben, Teil der Planung zu werden. Wie skizziert, sind ohne einen entsprechenden Kontext die älteren Migrant_innen jedoch kaum in der Lage, diese Konkretisierungen vorzunehmen, sodass die zur Realisierung innovativer Projekte notwendigen bürokratischen Verfahren einer entsprechenden taktischen Formulierung von (Förder-)Anträgen in Verbindung mit entsprechender Lobbyarbeit und der langfristigen Perspektive ihrer Bewilligung und dann bürokratischen Umsetzung und Kontrolle de facto als massives Partizipationshindernis wirken.

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Zitiervorschlag

Michael May, Monika Alisch: Organisations- und Partizipationsformen älterer Zugewanderter. In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. URL: http://http.sozialraum.de/organisations-und-partizipationsformen-aelterer-zugewanderter.php, Datum des Zugriffs: 20.11.2017

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