Skater auf einer Treppe
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Tove Raiby
wohnpartner - Nachbarschafts-Service im Wiener Gemeindebau

Christoph Stoik M.A.
Fachhochschule Campus Wien, Department Soziales



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Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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„Hofpalaver“: angeleiteter Aushandlungsprozess im Gemeindebau

Tove Raiby, Christoph Stoik

Die Methode „Hofpalaver" wurde im Rahmen der Gemeinwesenarbeit im Sozialen Wohnbau, den sogen. „Gemeindebauten" in Wien entwickelt. Bis Ende 2009 als „Gebietsbetreuungen für städtische Wohnhausanlagen" und seit 2010 als neue Einrichtung „wohnpartner - Nachbarschaftsservice im Wiener Gemeindebau" werden Konflikte des Zusammenlebens gemeinwesenorientiert bearbeitet. In diesem Rahmen wird die in der Praxis entwickelte Aushandlungsmethode angewendet. Das Wort „Palaver" ist bewusst zweideutig verwendet: Einerseits ist in Wien das Palavern ein alltagsweltlicher Ausdruck für zwangloses Reden. Andererseits ist Palaver ein afrikanisches Wort mit portugiesischen Wurzeln und bedeutet Versammlung, Unterredung und Gespräch.

„Hofpalaver" kommt zum Einsatz, wenn Konflikte im öffentlichen Raum zwischen unterschiedlichen NutzerInnen und BewohnerInnen auftreten. Der öffentliche Raum in den Wohnhausanlagen des Gemeindebaus sind Höfe, in denen unterschiedlichste Interessen aufeinander treffen. Oft sind sie die einzigen Orte, an denen Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbringen können. Oft besteht für im dicht bebauten Sozialen Wohnbau für BewohnerInnen das Bedürfnis nach Ruhe in den Höfen. Spezielle Interessen von HundebesitzerInnen und älteren Menschen können hinzukommen.

Ziel des Einsatzes der Methode „Hofpalaver" ist es, Aushandlungsprozesse möglichst aller Interessensgruppen zu initiieren. Die BewohnerInnen und NutzerInnen sollen dabei unterstützt werden, sich in die weitere Konfliktbearbeitung zu involvieren und ihre Interessen konstruktiv einzubringen. Um möglichst alle Gruppen erreichen zu können, findet der „Hofpalaver" lebensweltnah am „Ort des Geschehens" statt. Das Hofpalaver wird per Aushang im Hof und in den Stiegenhäusern angekündigt. Vorab wird seitens der GemeinwesenarbeiterInnen abgeklärt, wie sich die (sozial)räumliche Situation strukturell darstellt, welche baulichen Gegebenheiten sich vorfinden, ob es alternative Freiräume gibt etc., was in die Aushandlungsprozesse einfließen kann.

Das „Hofpalaver" ist Ort und der Rahmen für Aushandlungsprozesse zugleich und stellt somit einen Prozess dar. Es beginnt mit einer Versammlung und endet mit einer zweiten Versammlung im öffentlichen Raum. Dazwischen arbeiten Gruppen an den drei brennendsten Punkten weiter (z.B. Kinder und Jugendliche, Hunde, ältere BewohnerInnen, Freiraumgestaltung, ...). Die GemeinwesenarbeiterInnen bieten für die Gruppen weitere Unterstützung an (Räumlichkeiten, Materialien, Moderation bei Bedarf, etc.). Die Gruppen treffen sich zwischen drei und fünfmal Mal innerhalb einer gemeinsam festgelegten Zeit. Bei Bedarf sollen sich die Gruppen auch zwischenzeitlich übergreifend treffen können. Die Ergebnisse werden in einem gemeinsamen Treffen - der zweiten Versammlung im Hof - zusammengeführt. Falls im Prozess wesentliche Interessensgruppen nicht direkt erreicht werden, wird darauf geachtet, dass deren Interessen von VertreterInnen repräsentiert werden.

Da die Versammlungen lebensweltnah im öffentlichen Raum stattfinden, ist die Teilnahme der betroffenen AkteurInnen sehr niederschwellig gestaltet. Andererseits stellt dies eine Herausforderung für die Moderation dar, da die Verbindlichkeit zur Teilnahme und für Entscheidungen im Rahmen des Aushandlungsprozesses geringer sein kann. „Hofpalaver" hat somit einen spontanen oder gar aktionistischen Charakter. Die Menschen können spontan hinkommen, vom Fensterbrett aus quasi runterschauen und teilnehmen, ein Kommen und Gehen ist möglich. An einem Hofpalaver nehmen erfahrungsgemäß 30 bis 50 Personen teil. Die GemeinwesenarbeiterInnen nehmen die Rolle einer aktivierenden Moderation ein, die darauf achtet, dass sich möglichst alle mit ihren Interessen einbringen können (vgl. Lüttringhaus 2003). Zwei GemeinwesenarbeiterInnen übernehmen die Moderation, wobei eine die Prozesse führt und die andere Person unterstützende Aufgaben übernimmt (Überblick erhalten, Visualisieren, etc.). In kleineren Gruppen, die bei der Versammlung spontan gebildet werden, werden die wichtigsten Themen auf Kärtchen festgehalten. Anschließend findet eine Gewichtung der drei brennendsten Themen durch möglichst alle Anwesenden statt. Anschließend wird ermittelt, wer in einer Arbeitsgruppe an den gewählten Themen weiterarbeiten will. Bei der Visualisierung und Protokollierung wird wieder sehr lebensweltnah auf die Strukturen des bestehenden Raums zurückgegriffen: Informationen in schriftlicher Form (oder Zeichnungen) werden vorab vorbereitet, Flipchartpapier wird am Boden verteilt, auf Wäscheleinen aufgehängt, Kreidezeichnungen am Boden angefertigt, Protokolle werden per Stiegenhausaushang, Bodenmalereien etc. veröffentlicht. Somit besteht die Möglichkeit, den Aushandlungsprozess auch nachhaltiger im öffentlichen Raum zugänglich zu machen.

„Hofpalaver" nimmt als Methode Aspekte der „BewohnerInnen-Versammlung" auf, wie die Ermittlung von Interessen und die Aktivierung der AkteurInnen (vgl. Lüttringhaus 2003). Durch die Anwendung von „Hofpalaver" wird eine alternative Aushandlungs- und Konfliktkultur im Gemeindebau etabliert. Einerseits wird an den alltagsweltlichen Gegebenheiten angeknüpft, u.a. an der Sprache und den Symbolen der BewohnerInnen im Gemeindebau - auch im gesamten Aushandlungsprozess. Andererseits werden alternative Prinzipien der Aushandlung und Kommunikation eingeführt, und die Perspektive entwickelt, dass konstruktive Auseinandersetzung eine Möglichkeit bei der Bearbeitung von Konflikten darstellt. „Hofpalaver" ermöglicht dabei nicht nur eine alternative sozialraumbezogene Kommunikationsstruktur und -kultur, die in den betroffenen Höfen und Wohnhäusern Wirkung hat, sondern auch die Entwicklung neuer Handlungskompetenzen der beteiligten BewohnerInnen und NutzerInnen. „Hofpalaver" kann sich so zu einer „Institution" für die BewohnerInnen und NutzerInnen entwickeln und weist damit Parallelen zu den Methoden „runder Tisch" und „Stadtteilforen" auf (Wüst 2003; Schwarz-Österreicher 2003).

Literatur

Lüttringhaus, Maria (2003): BewohnerInnenversammlungen aktivierend moderiert. In: Lüttringhaus, Maria; Richers, Hille: Handbuch Aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. Bonn

Schwarz-Österreicher, Uta (2003): Stadtteilforen. In: Ley, Astrid; Weitz, Ludwig: Praxis Bürgerbeteiligung. Ein Methodenhandbuch. Bonn

Wüst, Jürgen (2003): Runder Tisch. In: Ley, Astrid; Weitz, Ludwig: Praxis Bürgerbeteiligung. Ein Methodenhandbuch. Bonn


Zitiervorschlag

Tove Raiby, Christoph Stoik: „Hofpalaver“. In: sozialraum.de (2) Ausgabe 2/2010. URL: http://webmail.sozialraum.de/hofpalaver.php, Datum des Zugriffs: 19.11.2017

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