Skater auf einer Treppe
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Prof. Dr. habil. Herbert Schubert
Prof. Dr. phil., Dr. rer. hort. habil., Professor für Soziologie und Sozialmanagement an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln, Direktor des Instituts für angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit (IMOS) und Leitung des Forschungsschwerpunkts „Sozial Raum Management", Habilitation und apl. Prof. an der Fakultät Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover.
Kontakt: herbert.schubert@fh-koeln.de

Dr.-Ing. Katja Veil
Studium der Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und der Oxford Brookes University, Promotion an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover. Seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsschwerpunkt „Sozial Raum Management“ der Fachhochschule Köln.
Kontakt: katja.veil@fh-koeln.de

Inhalt

  1. 1 Fragmentierung des Sozialraums
    1. 1.1 Konstituierung des sozialen Raumes durch Beziehungen
    2. 1.2 Entkoppelung von Lebenswelten und Systemwelt im Sozialraum
    3. 1.3 Das Beispiel der zurückgezogen lebenden älteren Menschen im Wohnquartier
  2. 2 Netzwerktheoretische Perspektiven
    1. 2.1 Spannweite der Netzwerkarten
    2. 2.2 Überbrückung struktureller Löcher als Netzwerknutzen
  3. 3 Forschungsvorhaben „Öffnung des Quartiers für das Alter“ (ÖFFNA)
    1. 3.1 Ableitung der Infrastrukturidee aus der Netzwerklogik
    2. 3.2 Potenziale von Alltagskontakten
    3. 3.3 Methodisches Vorgehen
  4. 4 Ausgewählte Ergebnisse
    1. 4.1 Informiertheit älterer Menschen im Wohnquartier
    2. 4.2 Bedarfsbestimmung auf der Grundlage einer Typologie
    3. 4.3 Konkretisierung des ÖFFNA-Infrastrukturmodells
    4. 4.4 Aktionsraumanalyse
    5. 4.5 Erprobungsphase
    6. 4.6 Wirkungen
  5. 5 Fazit
  6. Literaturverzeichnis


Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Buchcover

Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Beziehungsbrücken zwischen Lebenswelten und Systemwelt im urbanen Sozialraum

Herbert Schubert, Katja Veil

1 Fragmentierung des Sozialraums

1.1 Konstituierung des sozialen Raumes durch Beziehungen

Unter einer relationalen Perspektive sind es die Beziehungen und aktionsräumlichen Verflechtungen der Bewohner, die den Sozialraum konstituieren (vgl. Spieckermann 2012: 304). Dies korrespondiert mit der raumsoziologischen Definition von Raum als „relationale (An-)Ordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten“ (Löw 2001: 224 ff.). Unter sozialen Gütern werden einerseits materielle, platzierbare Objekte verstanden, deren Verortung (d.h. durch Vermessung, Planung, Errichtung) – in der Relation zu anderen Platzierungen – systematisch einen Ort als Raum erzeugen (Spacing) und symbolisch markieren. Andererseits stellen Menschen als Bewohner und Nutzer Elemente des Settings dar, das die Raumsituation generiert. Denn erst über ihre Wahrnehmungs-, Bezeichnungs- und Erinnerungsprozesse wird die Syntheseleistung erbracht, in der die platzierten und symbolisch aufgeladenen Objekte (Güter und Personen) zu – klassen-, geschlechts- und kulturspezifisch vorstrukturierten – Raumvorstellungen bzw. Raumbildern integriert werden.

Raumsoziologischwird Raum dual in einem wechselseitigen Zusammenspiel von Handlung und Struktur konstituiert: Räumliche „Strukturen sind Regeln und Ressourcen, die rekursiv in Institutionen eingelagert sind“ (ebd.: 226), und im Handlungsverlauf von Alltagsroutinen konstruiert werden. Von daher können wir von institutionalisierten Räumen der Alltagswelt sprechen, wenn die räumliche Anordnung im Wohnquartier durch wiederholte Handlungsmuster des persönlichen Kontakts induziert wird. Besondere Raummuster des nachbarlichen Kontakts, des freundschaftlichen Beziehungsverkehrs und der regelmäßigen Interaktion in lokalen Versorgungseinrichtungen können als spezifischer, institutionalisierter Sozialraum einer Beziehungsfiguration verstanden werden. Die Raumvorstellungen und Raumbilder werden dann weniger von lokalen Artefakten und mehr von räumlich positionierten Beziehungsgelegenheiten geprägt.

Sozialräume als Konstruktionen des Verhaltens zu begreifen, ging von der Humanökologie aus (vgl. Riege/Schubert 2012: 9f). Im Vordergrund steht dabei die Verhaltensperspektive, die den Zusammenhang von aktionsräumlichem Verhalten mit der Organisation des Raumes und die Rolle der Zeit für soziales Verhalten betont. Im sogenannten Human Activity-Ansatz werden sowohl das Verhaltensmuster als auch der Raumbezug betont, was im Deutschen zur Bezeichnung des „Aktionsraumes“ führte. Wenn von einem Aktionsraum gesprochen wird, liegen die räumlichen Ausprägungen der Interessen und Aktivitäten von Nutzern zugrunde. Stuart Chapin (1974) entwickelte dazu ein zeit-räumliches Modell der „Urban Activities“ als umfassendes Konzept für die Art und Weise, wie Individuen, Haushalte, Institutionen und Unternehmen ihre Angelegenheiten in der Interaktion untereinander in Zeit und Raum der kommunalen Örtlichkeiten verfolgen.

Die soziale Raumkonstruktion erfolgt im aktionsräumlichen Ansatz auf zwei Ebenen: Auf der Seite der Menschen wird den Motivationen und Denkweisen als Prädispositionen des Verhaltens sowie den Rollen und persönlichen Charakteristiken als Verhaltenskonditionierungen Bedeutung zugeschrieben. Auf der räumlichen Seite wird davon ausgegangen, dass die Verfügbarkeit von Gelegenheiten und die Wahrnehmung ihrer Qualität einen großen Einfluss auf das Verhalten haben. Aus den Motivationen und Prädispositionen ergibt sich eine Neigung, sein Verhalten auf konkrete Gelegenheiten in einem Raum auszurichten oder solche räumlichen Aneignungsprozesse zu unterlassen. Und der Kontext der räumlichen Gelegenheiten schafft Möglichkeiten und gibt Anreize zu einem Verhalten, das zu sozialen Bindungen und Ausprägungen von Verhalten in diesem konkreten Raum oder zur Verlagerung dieses Verhaltens in andere Räume führen kann. In der Vorstellung des aktionsräumlichen Konzepts bewegt sich jedes Individuum auf einem Raum-Zeit-Pfad durch den Alltag. Beispielsweise hält sich eine Person an einzelnen Standorten wie Wohnung, Arbeitsstätte, Einkaufsgelegenheit und Freizeiteinrichtung auf. Projiziert man den Raum-Zeit-Pfad zurück auf einen geografisch abgegrenzten Raum, so ergibt sich ein räumliches Interaktionsmuster von Wegen, Fahrten und Aufenthalten. Die raumzeitlichen Bewegungen verbinden die Standorte lebensweltlich und konstruieren in der Summe der Frequenzen einen Sozialraum in dem geografisch definierten Areal.

1.2 Entkoppelung von Lebenswelten und Systemwelt im Sozialraum

In der Theorie des kommunikativen Handelns hat Jürgen Habermas die „Entkoppelung von System und Lebenswelt“ thematisiert (1981: 229ff). Diese Denkfigur lässt sich auf Charakterisierung urbaner Sozialräume übertragen. Dort bewegen sich die Bewohnerinnen und Bewohner innerhalb des Horizonts ihrer jeweils individuellen – d.h. subjektiv wahrgenommenen – Lebenswelt, die phänomenologisch – etwa in der Folge von Husserl, Schütz und Luckmann – als „kulturell überlieferter und sprachlich organisierter Vorrat an Deutungsmustern“ verstanden wird (ebd.: 189). Danach werden die Lebenswelten im Sozialraum des Wohnquartiers von den Einzelnen aus den Elementen ihres Wissensvorrats bzw. in der Spiegelung ihres subjektiven Erlebens konstruiert. Die Erfahrung der Lebenswelt wird so betrachtet zum persönlichen „Erlebnisablauf [...] aus gegenwärtigen, retentiven und protentiven Phasen“ (ebd.: 195). Habermas stellt dieser Perspektive das „Alltagskonzept der Lebenswelt“ gegenüber, „mit dessen Hilfe kommunikativ Handelnde sich und ihre Äußerungen in sozialen Räumen und historischen Zeiten lokalisieren und datieren“ (ebd.: 206). Es handelt sich um eine „soziokulturelle Lebenswelt“, in die auch symbolische Interaktionen, intersubjektive Verständigungsleistungen und soziale Zugehörigkeiten eingehen (ebd.: 211). Der Sozialraum eines Wohnquartiers stellt sich aus der Binnenperspektive der Lebenswelt als Netz kommunikativ vermittelter Kooperationen dar (ebd.: 223).

Habermas unterscheidet zwischen „Sozial- und Systemintegration“ (ebd.: 226): In der Perspektive der Sozialintegration bildet der Sozialraum einen eigengesetzlichen Rahmen für die Integration der symbolischen Strukturen der Lebenswelten, in denen die handelnden Subjekte zielgerichtet ihre alltäglichen Situationen bewältigen. In der Perspektive der Systemintegration bilden die soziokulturellen Lebenswelten der Bewohnerinnen und Bewohner nur die Umwelt des Institutionensystems (ebd.: 229). Die „Entkoppelung von System und Lebenswelt“ vollzieht sich als Differenzierungsprozess, „indem die Komplexität des einen und die Rationalität der anderen wächst“ (ebd.: 230). Die Lebenswelten werden zunehmend zu einem Subsystem neben anderen degradiert und dabei lösen sich im Sozialraum die systemischen Elemente von den sozialen Strukturen ab, die soziale Integration sicherstellen. Die Systemdifferenzierung hat nach Habermas inzwischen ein solch hohes Ausmaß erreicht, dass die „Subsysteme zweckrationalen Wirtschafts- und Verwaltungshandelns“ als autonom gewordene Organisationen eigenständige Kommunikationskreisläufe bilden, die von den Lebenswelten der Bewohnerinnen und Bewohner entkoppelt sind. Genau diese Problematik steht im Blickpunkt, wenn die Lebensweltferne von beispielsweise Schulen oder Sozial- und Gesundheitsdiensten im Sozialraum beklagt wird.

Viele dieser Dienste und Einrichtungen gehören zum Funktionssystem der Sozialen Arbeit; es basiert auf einem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium, an dem sich Kommunikationen in der Sozialen Arbeit ausrichten (vgl. Baecker 1994). In diesen systeminternen Kommunikationen wird über den Bedarf und die Passgenauigkeit von Interventionen (sogenannte Hilfen) für psychische Systeme (Personen) und deren Interaktionssysteme (z.B. Primärgruppe wie Familie) entschieden. Zugrunde liegen zwei binäre Codes: „Interventionsbedarf / kein Bedarf“ und nachfolgend „Intervention passend / nicht passend“ (vgl. Hillebrandt 2005: 219: „bedürftig / nicht bedürftig“). Mittels dieser Codes wird in der Kommunikation kontinuierlich geprüft, ob die Funktion des Systems erfüllt wird, diesen Personenkreis durch fachlich begründete Operationen in die Gesellschaft zu inkludieren. Die Ausdifferenzierung des Funktionssystems der sozialen Arbeit setzt die Einrichtung und den Betrieb einschlägiger Einrichtungen voraus – wie zum Beispiel Sozial- und Jugendamt oder auch soziale Dienste. Dies erfordert die Verfügung über Gebäude, in denen die Hilfen und Beratungen stattfinden, und die Anstellung von Fachkräften (vgl. Luhmann 2002: 118).

Das Wissen der Profession besteht weniger aus inhaltlichen Kenntnissen, sondern beruht mehr auf der „Verfügung über eine ausreichend große Zahl komplexer Routinen“, die in unklar definierten Situationen zum Einsatz kommen. In den Ausführungen zum Erziehungssystem der modernen Gesellschaft(2002) hat Niklas Luhmann dies näher betrachtet. Die Erkenntnisse lassen sich auf alle Institutionensysteme im Sozialraum übertragen. Danach besteht das „Wissen“ der Professionen nicht so sehr in der Kenntnis von Prinzipien und Regeln – vielmehr komme es auf den Zugang zu einer ausreichend großen Zahl komplexer Routinen an, die in unklar definierten Situationen eingesetzt werden können – teils zur besseren Definition der Situation, teils zum Herausgreifen behandelbarer Aspekte (Luhmann 2002: 148ff). Denn derlei bewährte Routinen geben eine Form von Sicherheit, wobei sich jedoch der Misserfolg nicht ausschließen lässt. Solche Routinen oder auch Standards sind durch das Kriterium der Wiederverwendbarkeit ausgezeichnet und bieten dadurch die Möglichkeit der Verbesserung durch Lernen und durch Erfahrung. Nach Luhmann fällt der Profession eine Vermittlungsrolle zu, indem Adressatinnen und Adressaten vom Status „hilfebedürftig“ zum Status „nicht mehr hilfebedürftig“ begleitet werden: „Es geht um eine Änderung der Person des Klienten, aber nur in der spezifischen Hinsicht, die vom Fachmann betreut wird“ (Luhmann 2002: 149).

Wenn die Lebenswelten der Menschen immer mehr zu einem Subsystem degradiert werden und sich die Systemmechanismen immer weiter von den sozialen Alltagsstrukturen absetzen, wie Habermas herausgearbeitet hat, dann stehen sich die beiden Welten in einem scheinbar unüberwindlichen Gegensatz gegenüber. Einerseits die Welt der kommunalen Infrastrukturen, die in ihre Funktionsbereiche ausdifferenziert werden. Auf der anderen Seite stehen die lebensweltlichen Interaktionskreise des Alltags, die sich im Quartier der Kommune abspielen. Eine Schlüsselfrage der Sozialplanung lautet daher, wie diese Lücke geschlossen werden kann.

1.3 Das Beispiel der zurückgezogen lebenden älteren Menschen im Wohnquartier

Seit den 1980er Jahren werden passive Formen der Lebensorganisation im Alter als nicht mehr zeitgemäß bewertet; stattdessen wurde das Älterwerden als eine aktive Gestaltungsaufgabe dargestellt (vgl. Noack/Veil 2013). Zu Grunde liegen die Konzeptionen des Disengagements und der Aktivitätstheorie. In der Aktivitätstheorie wird der positive Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und fortgesetzter Aktivität im Alter herausgestellt. Empirisch konnte gesichert werden, dass besonders die informelle Aktivität im Freundes-, Bekannten- und Nachbarschaftskreis für die Lebenszufriedenheit sehr bedeutsam ist (vgl. Petermann/Roth 2006: 259). Die Disengagementtheorie behandelt die protektiven Wirkungen des allgemeinen Rückzugs aus der personalen Umwelt und die damit verbundene „Wendung nach innen“. Bei diesem Verhaltensmuster geben alte Menschen nach und nach ehemalige Positionen und Weltsichten auf. Wegen der positiven empirischen Befunde im Rahmen gerontologischer Erhebungen wurde die Position der Aktivitätstheorie zur angemesseneren Form eines befriedigenden Alterns erklärt. Denn aktive ältere Menschen fühlen sich wohler und sind mit ihrem Leben zufriedener als passive (ebd.: 260).

Die politischen Kampagnen des „erfolgreichen Alterns“, die in den vergangenen Jahrzehnten betrieben worden sind, werden den Verlusten im dritten (60-74 Jahre) und vierten Lebensalter (75 Jahre und älter) aber nicht gerecht (vgl. Frank 2007). Sie zeigen sich besonders darin, dass die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse zunehmend beeinträchtigt wird. Häufig ist bereits das Ausscheiden aus dem Berufsleben mit einer massiven Selbstwertbeeinträchtigung verbunden. Im weiteren biografischen Verlauf frustrieren erlittene oder befürchtete Verluste nahestehender Personen das Bindungsbedürfnis. Sukzessiv auftretende und sich chronifizierende Schmerzen schränken zunehmend das Wohlbefinden ein und lassen die Befürchtung anwachsen, pflegebedürftig zu werden. In der Folge minimiert sich das Erleben personaler Wirksamkeit, was einen zurückgezogenen Lebensstil befördern kann (vgl. Petermann/Roth 2006: 250). Bei Hochbetagten kommt oft eine ausgeprägte Unlust und ein niedriges Selbstwertgefühl vor; in Verbindung mit fehlenden sozialen Bindungen kann daraus ein schwerwiegender seelischer Zustand resultieren, der zwar Lösungen und Veränderungen erfordert, zu denen die Betroffenen sich aber nur noch selten motivieren können.

Praktikerinnen und Praktiker der kommunalen Altenhilfe plädieren daher für eine differenzielle Sicht, die die interindividuellen Unterschiede der Menschen im dritten und vierten Lebensalter anerkennt. Der Rückzug von sozialen Aktivitäten und aus der Umwelt darf nicht prinzipiell negativ stigmatisiert werden. Es ist nicht sinnvoll, öffentlich Druck auf die älteren Menschen auszuüben und sie zur Wahrnehmung von aktiven Rollen im Alter zu „verpflichten“. Im Vordergrund muss der Wille des Individuums stehen; die individuelle Entscheidung, welche Form des Umgangs mit dem Älterwerden die größte Zufriedenheit für den/die Einzelne/n mit sich bringt, ist zu respektieren (vgl. Reuband 2008: 354ff). Außerdem wird verkannt, dass ältere Menschen auch im Rahmen zurückgezogener Lebensstile gestaltend (generativ) auf ihre soziale Umwelt einwirken (können). „Generativität“ beinhaltet das gesamte Spektrum von sozialen Austauschprozessen. Die im Alltag vorherrschende Meinung, dass Ältere überwiegend die Empfänger von Unterstützung durch die Gesellschaft sind, trifft nicht zu. So geben die Menschen im dritten Lebensalter ihrer persönlichen Umwelt im Durchschnitt mehr Unterstützung, als sie von dieser erhalten. Diese Generativität beruht in der Regel auf einer selbst auferlegten Bescheidenheit und Selbstverantwortung älterer Menschen. Der Rückzug verfolgt daher auch oft das Ziel, die Belastung der Jüngeren zu mindern. Die Reflexion dieser Entlastung der Jüngeren stellt ein wesentliches Thema der Zufriedenheit mit sich selbst sowie mit dem eigenen Wohlbefinden im Alter dar und repräsentiert ein Bemühen um ein selbstbestimmtes und unabhängiges Alltagsleben (vgl. Petermann / Roth 2006: 263).

Vor diesem Hintergrund wird auf der kommunalen Ebene die Diskussion geführt, die Altenhilfeplanung (als Teil der Sozialplanung) nicht nur auf den aktiven Personenkreis der älteren Bevölkerung auszurichten, sondern infrastrukturelle Perspektiven auch für diejenigen zu entwickeln, die bewusst „disengaged“ sind, in deren Alltag also eher inaktive Verhaltensformen vorherrschen (vgl. VSOP 2008: 19). Im Blickpunkt stehen ältere Menschen, die in ihrer privaten Lebensführung zurückgezogen leben, wenig in lokale Beziehungsnetzwerke involviert sind und die von Informationen und Angeboten der Altenhilfeträger lebensweltlich entkoppelt sind. Gesucht wird eine infrastrukturelle Brückenverbindung zwischen den Lebenswelten der zurückgezogen lebenden älteren Menschen und der Systemwelt der Altenhilfe.

2 Netzwerktheoretische Perspektiven

Norbert Elias hat zur Beschreibung des sozialen Miteinanders den soziologischen Begriff der „Figuration“ geprägt; er benutzte dazu das „Bild vieler einzelner Menschen, die kraft ihrer elementaren Ausgerichtetheit, ihrer Angewiesenheit aufeinander und ihrer Abhängigkeit voneinander auf die verschiedenste Weise aneinander gebunden sind“. (Elias 1970: 12). Die so beschriebenen „Interdependenzgeflechte“ stellen die alltäglichen Beziehungsnetze der Individuen dar. Die Bedeutung dieser Beziehungsnetze zeigt sich beispielsweise, wenn untersucht wird, warum einige ältere Menschen in stationären Einrichtungen gepflegt werden, während andere mit einem vergleichbaren Grad der Pflegebedürftigkeit ambulant in der eigenen Wohnung versorgt werden können. Schon in den 1980er Jahren hat Schubert die Bedeutung der Netzwerkeinbettung in einer empirischen Studie aufgezeigt (vgl. 1987): Die Grenzen der ambulanten Pflege zeigen sich dann, wenn das informelle Helfernetz nicht tragfähig genug ist. Dies ist vor allem bei älteren Menschen der Fall, die keinen Partner haben, kinderlos sind oder deren Kinder weit entfernt wohnen (vgl. Schubert 1990: 196ff.).

2.1 Spannweite der Netzwerkarten

Der Netzwerkbegriff ist relativ unscharf, weil sich dahinter ein Fächer mehrerer, unterschiedlicher Netzwerkarten verbirgt. Im Allgemeinen kann zwischen „natürlichen“ und „professionellen Netzwerken“ unterschieden werden (vgl. Schubert 2008: 37ff.; Straus 1990: 498): In den natürlichen Netzen werden überwiegend soziale Ressourcen in persönlichen Beziehungskreisen gebündelt (vgl. Tabelle 1). im Zentrum steht das primäre Beziehungssystem, das nicht organisiert ist und einen informellen Charakter aufweist. Zu nennen sind die Familie, der Freundeskreis und vertraute Kollegencliquen, bei denen die Funktionen Vermittlung von Gefühlen, Aufbau von Vertrauen und Mobilisierung von Hilfe und Unterstützung eine Rolle spielen. Daneben gehören die sekundären Netzwerke zu den natürlichen Verflechtungen (vgl. Straus/Höfer 1998): Während die primären Netzwerke eine relativ hohe Stabilität in der Zeit aufweisen und von starken Bindungen geprägt sind, herrschen in den sekundären Netzen eher schwache Bindungen vor und somit auch eine größere zeitliche Flexibilität (vgl. Granovetter 1973). Die Grundlage der Vernetzung bilden die Zugehörigkeit (z.B. zur Nachbarschaft) oder die Mitgliedschaft (z.B. Initiative oder Verein). Die schwachen Bindungen ermöglichen einen vielfältigen Zugang zu sozialen Ressourcen im sozialen Umfeld. Die sekundären Netzwerke repräsentieren das zivilgesellschaftliche Sozialkapital im Sozialraum und in der Gemeinde.

Den primären und sekundären Netzen stehen die professionellen Netzwerke gegenüber, in denen überwiegend institutionelle Ressourcen zur Bildung von Koalitionen und zur Koordination von Aktivitäten gebündelt werden, wobei auch eine spezifische professionelle Form des Sozialkapitals generiert wird. Sie werden auch als tertiäre Netzwerkart verstanden und sind insbesondere in zwei Ausprägungen vorzufinden: Einerseits geht es um marktbasierte Kooperationen wie zum Beispiel bei einem Händlerverbund im Kontext einer Einkaufsstraße (Marktnetzwerk). Andererseits handelt es sich um Vernetzungen von öffentlichen, sozialwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren in der sozialen Daseinsvorsorge (Governance-Netzwerk). Die professionellen Netzwerke gelten als bipartit, weil es erstens um Kooperation von Organisationen geht, die zweitens über die persönlichen Beziehungen von Fachkräften aufrechterhalten werden. In den Sozialräumen des Gemeinwesens müssen sie anschlussfähig, d. h. mit den natürlichen Netzen verbunden sein.

Tabelle 1: Grundunterscheidung von natürlichen und professionellen Netzwerken

 Tabelle 1

Quelle: verändert nach Straus 1990: 498

2.2 Überbrückung struktureller Löcher als Netzwerknutzen

Menschen tendieren dazu, Gruppen- und Clusterzusammenhänge zu bilden, innerhalb derer mehr und häufiger Kommunikation stattfindet als zwischen solchen Beziehungskreisen. Dies ist meistens das Resultat von sich wiederholenden Interaktionsgelegenheiten in der Familie, in der Nachbarschaft, im Wohnquartier oder am Arbeitsplatz – also an den Orten, wo die Menschen leben und arbeiten. In der Folge verankern sich innerhalb dieser Zusammenhänge ähnliche Sichtweisen und Informationsstände; die Chance, dass neue Informationen von außen einfließen, ist relativ gering. Das gesamte System von Sprachregelungen, Meinungen, Symbolen und Verhaltensmustern wird davon geprägt. Mit zunehmender Dauer wird das implizite Gruppenwissen relativ komplex, und es ist nur den Mitgliedern bekannt. Es gelingt dann kaum, die Wissensbestände zwischen den Beziehungskreisen in einen Austausch zu bringen. Burt (2009; vgl. ders. 2001) formuliert zugespitzt, dass die Information „klebrig” wird, also nicht zwischen den sozialen Gruppen fließt, sondern jeweils auf die einzelnen Cluster beschränkt bleibt. Diese Leerstellen in der gesamten sozialen Struktur der Kommunikation werden in den netzwerktheoretischen Diskursen als “strukturelle Löcher” (structural holes) bezeichnet. Weil Vermittlungsfunktionen fehlen, ist der Kontakt zwischen den Clustern unterbrochen – der „Raum“ zwischen den Netzwerkbereichen ist leer und unverbunden, so dass die Metapher des „Lochs“ nahe liegt. Im Rahmen von Netzwerken und Netzwerkstrategien können diese Löcher auf zwei Weisen überbrückt werden: über Vermittlung und Geschlossenheit.

Geschlossenheit (closure)

In geschlossenen Beziehungskreisen entstehen Vertrauen und Reputation. Es gibt mehr Kommunikationskanäle und die Partizipierenden zeigen weniger unerwünschtes Verhalten als in Netzfigurationen mit geringer Dichte, weil sich die soziale Kontrolle mit der Quote der Verbindungen erhöht. Insofern stellt die Geschlossenheit in lokalen Beziehungsnetzen eine Grundvoraussetzung dar, damit Vermittlungsprozesse stattfinden können.

Mit der Schließung von Netzwerken können die strukturellen Löcher von der Innenseite aus abgebaut werden (vgl. Burt/Merluzzi/Burrows 2013). Dabei werden die Beziehungskreise dichter, weil auch zu den Personen Kontakte aufgebaut werden, mit denen die eigenen Kontaktpartner in Verbindung stehen. Die Abstimmung untereinander wird dadurch besser.

Das Konzept der Geschlossenheit stammt von James S. Coleman (vgl. 1995: 413ff.). Geschlossen ist ein soziales Netzwerk dann, wenn alle relevanten Beziehungsoptionen aktiviert sind. Die Auswirkungen von Geschlossenheit verdeutlicht er an einem System von Eltern und Kindern. So ist der Einfluss der Eltern geringer, wenn zwischen den Kindern einer Nachbarschaft Beziehungen bestehen, zwischen den Eltern aber nicht. Eine Geschlossenheit liegt vor, wenn Beziehungen nicht nur (1.) zwischen den Eltern und ihren Kindern sowie (2.) zwischen den Kindern bestehen, sondern (3.) auch zwischen den Eltern der Nachbarschaft. Ein anderes Beispiel betrifft das Beziehungsdreieck von Kindern, Lehrkräften der Schule und den Eltern. Wenn die Eltern nur die Beziehungen zu ihren Kindern pflegen und die Kinder zusätzlich in der Schule Beziehungen zu Lehrkräften aufbauen, liegt keine Geschlossenheit vor. Erst wenn auch die Eltern und Lehrkräfte miteinander verbunden sind, ist das Beziehungssystem geschlossen. Der Bildungsprozess von Kindern gestaltet sich in einer geschlossenen Figuration besser als in einer teilweise offenen.

Gut miteinander verbundene Nachbarn sind zum Beispiel eine Ressource füreinander (vgl. Burt 2009: 1). Robert Sampson stellte die kollektive Wirksamkeit (collective efficacy) von Nachbarschaften in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen (vgl. 2012: 220ff.). Er zeigt, dass sie entscheidend ist für die informelle soziale Kontrolle und damit auch für die Sicherheitssituation in einem Stadtteil; voraussetzungsvoll sind dafür das Vertrauen der Nachbarn untereinander (bzw. entgegengesetzt das Fehlen einer Angst vor Nachbarn) und andererseits die Bereitschaft zu nachbarschaftlicher Unterstützung. Vielfältig miteinander verbundene Kontakte mit der Tendenz zur Geschlossenheit geben untereinander auch das Signal, dass man sich zwischen den „richtigen Leuten“ befindet. In lokalen Vertrauenssystemen können zum Beispiel auch Intermediäre wie Einzelhändler und Dienstleister zur sozialräumlichen Geschlossenheit beitragen (vgl. Coleman 1995: 413).

Vermittlung (brokerage)

Die Vermittlungsperspektive repräsentiert das Gegenteil von Geschlossenheit; denn hierbei werden Verbindungen von der Außenseite zwischen den Clustern generiert, indem Unverbundenes über strukturelle Löcher hinweg miteinander verbunden wird (vgl. Burt/Merluzzi 2013). Auf dem Weg solcher Verbindungen können neue Informationen in einen Beziehungskreis Eingang finden und so Meinungen und Verhalten beeinflussen.

Personen, die an der Schnittstelle zwischen Beziehungskreisen stehen, haben eine Brückenfunktion und werden deshalb als „Vermittler“ (broker) bezeichnet. Sie erschließen Zugänge zu den „strukturellen Löchern“ im Beziehungsgefüge. Durch ihre Überbrückung stockt der Informationsfluss nicht mehr im dichten, nach innen bezogenen sozialen Cluster, sondern kann nach außen dringen und über die Vermittlung in einen anderen Cluster als Input aus der Außenwelt eingebracht werden (vgl. Burt 2010). Damit Verbindungen zwischen solchen Clustern hergestellt werden können, bedarf es der Position einer Netzwerk-Vermittlung (network brokers), die sowohl Anknüpfungspunkte in dem einen als auch in dem anderen Beziehungskreis hat. Indem Vermittler die strukturellen Löcher überbrücken, können sie einen großen Nutzen erzeugen: Das betrifft einerseits den Umfang und die Qualität der zugänglichen Information sowie andererseits die zeitliche Koordinierung des Informationsaustausches. Um Informationsdifferenzen auszugleichen, stellen sie „lohnende Gelegenheiten“ dar (vgl. Burt 2013).

Aus diesen netzwerktheoretischen Überlegungen kann eine Vermittlungsidee zur Wiederverkoppelung der Lebenswelten und infrastrukturellen Systemwelten abgeleitet werden: Zwischen den Clustern der älteren Menschen in ihren Alltagsbeziehungen und den professionellen Diensten der Altenhilfe wird ein strukturelles Loch diagnostiziert, das über sozialräumliche Verbindungen geschlossen werden kann und über die neue Informationen in die Beziehungskreise der älteren Menschen eingebracht werden können (vgl. Abbildung 1 und 2).

 Abbildung 1: Ausgangshypothese

Abbildung 1: Ausgangshypothese
Abbildung 2: Lösungsidee

Abbildung 2: Lösungsidee

Im Sozialraum des Stadtteils zum Beispiel finden die Kommunikationen eher in den engeren Beziehungskreisen von Familie und Nachbarschaft statt. In der Folge gibt es kaum einen Austausch mit anderen Wohnbereichen und Institutionen. Intermediäre wie der Bäcker um die Ecke, die Apotheke auf der Hauptstraße oder die Arztpraxis vor Ort können diese Lücke schließen und in informellen Gesprächen den Informationsaustausch befördern. Das ist im Prinzip nichts Neues; denn im noch nicht mediatisierten Zeitalter dienten solche Begegnungsorte traditionell dem Informationsaustausch. Norbert Elias und John Scotson betonten, dass Gemeinden in dieser Zeit „ein ausgearbeitetes System von Klatschzentren“ hatten – beispielsweise nach den Gottesdiensten, in Klubs und Gaststätten (1990: 167). Vor diesem Hintergrund muss die Brückenfunktion von Intermediären stärker in den Blick genommen werden. Wenn ein Netzwerk über Vermittlung den begrenzten Informationsfluss verbessert, profitiert die einzelne Person von einer besseren Verbundenheit in ihrem Umfeld.

3 Forschungsvorhaben „Öffnung des Quartiers für das Alter“ (ÖFFNA)

3.1 Ableitung der Infrastrukturidee aus der Netzwerklogik

Ein Teil der älteren Bevölkerung lebt in den Städten relativ zurückgezogen und ist nur eingeschränkt in die sozialräumliche Umgebung eingebunden. Einerseits handelt es sich um einen freiwilligen und bewussten sozialen Rückzug von institutionellen Informationssystemen; andererseits resultieren die Gründe für das zurückgezogene Leben aus körperlichen, sozialen und / oder kognitiven Einschränkungen. Die zu Grunde liegenden Bewältigungsstrategien sind mit dem Risiko sozialer Isolation verbunden, münden in eine reduzierte Lebensqualität und machen für Krankheiten aller Art anfällig.

Auch wenn Kontakte über vereinzelte Freundes- und Familienbeziehungen in den Sozialraum bestehen, so sind die Lebenswelten dieser Personen vom Infrastruktursystem der Altenhilfe und den darin operierenden professionellen Kräften weitgehend entkoppelt. Die kommunale Seniorenarbeit – das ist Kern der Problemlage – erreicht diesen Personenkreis über die bestehenden Dienste und Einrichtungen der sozialen Infrastruktur bzw. über Angebote der Altenhilfe im weitesten Sinne fast gar nicht und kann bisher in diese Milieus hinein kaum Impulse geben, die die Autonomie und Eigenverantwortlichkeit im Alter stärken. Es kann ein strukturelles Loch zwischen den lebensweltlichen Beziehungskreisen älterer Menschen im Stadtquartier und den professionellen Netzwerken der kommunalen Seniorenarbeit und Seniorenberatung konstatiert werden.

Vor diesem Hintergrund besteht der Bedarf eines quartiersbezogenen Handlungskonzepts, das die soziale Teilhabe dieser Menschen an den Ressourcen des Quartiers über „Vermittlerinnen“ und „Vermittler“ ermöglicht. Daran setzte das Forschungsprojekt ÖFFNA – Öffnung des Stadtteils für das Alter – von 2010 bis 2013 im Rahmen der Förderlinie SILQUA-FH des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) an: Es basiert auf der netzwerktheoretischen Infrastrukturidee, in den Sozialräumen des Stadtteils neue Informations- und Vermittlungswege für ältere Menschen zu entwickeln. Intermediären Akteuren im Wohnumfeld – wie zum Beispiel Vertreterinnen oder Vertreter von Arztpraxen, Apotheken, lokalen Dienstleistern und Geschäften des Einzelhandels – wird im zugrunde liegenden Modell eine Vermittlungsrolle zugeschrieben, als vertrauensvolle Ansprechpersonen im Alltagsleben des Stadtteils zwischen den schwer erreichbaren älteren Menschen mit Beratungsbedarfen und den professionellen Institutionen der Altenhilfe – zuvörderst der Seniorenberatung – zu vermitteln. Im Rahmen des ÖFFNA-Projekts wurde untersucht, ob die „Vermittlerinnen“ und „Vermittler“ älteren Menschen mit einem Bedarf Wege zu Angeboten der Seniorenberatung aufzeigen und umgekehrt betrachtet den professionellen Netzen der Altenhilfe einen niedrigschwelligen Zugang zu älteren Menschen im Stadtteil sichern können. Durch die Vermittlung fließen Informationen in die relativ abgeschotteten persönlichen Netzwerke der älteren Menschen, wie sie ihre Lebenssituation erfolgreich bewältigen können und wo es dazu Beratung gibt.

Die Vermittlung über vorhandene Gelegenheiten im Stadtteil wird als „soziale Innovation“ aufgefasst, weil der Netzwerknutzen aus den Wirkungen dieser neuartigen „Kommunikations- und Informationsinfrastruktur“ resultiert. Die „natürlichen Kontaktpunkte“ von relativ zurückgezogen lebenden älteren Menschen dienen im Wohnquartier als „Brücke“ für den Austausch von Informationen, um auf diesem Weg im Wohnquartier und Stadtteil mehr Teilhabechancen zu eröffnen und Möglichkeiten zu einer selbstbestimmten Gestaltung des Alters zu vermitteln. Der Ansatz repräsentiert einen neuen Typ von Sozialplanung, der nicht neue Einrichtungen erfindet, sondern bestehende Potenziale zu einer „flexiblen Netzwerkinfrastruktur“ bündelt.

Die Sozial- bzw. Altenhilfeplanung ist in der kommunalen Daseinsvorsorge prädestiniert dafür, als Agentur der Netzwerkplanung lokale Kräfte und Leistungen in Gestalt einer Netzwerkkooperation zu integrieren. Unter Aspekten der Qualitätssicherung müssen solche Agenturen darauf achten, dass die operativen Netzwerke nicht nur systemimmanent „technokratisch“ konstruiert werden, sondern durch „Akteursbrücken“ dynamisch mit den lebensweltlichen lokalen Netzwerken verknüpft bleiben. Es geht um die Wirkungsrelevanz der Verbindung der sekundären, zivilgesellschaftlichen mit den tertiären, professionellen Netzstrukturen. Mit interaktiven und informellen Infrastrukturmodellen soll vermieden werden, dass Personen unerkannt in Notsituationen geraten, und es soll sichergestellt werden, dass sie kontinuierlich Informationen sowie Angebote erhalten, wie sie ihre Lebenssituation erfolgreich bewältigen können. Gleichzeitig muss dabei das Bedürfnis nach Rückzug und Selbstbestimmtheit auch und gerade in Bezug auf Aktivierungsanforderungen respektiert werden.

Wenn die (Wohn-)Umwelt also kleiner wird, so nehmen Begegnungen im Sozialraum an Bedeutung zu. Ob der Nachbar, die Bäckerin oder der Postbote; diese Art von Begegnungen, meist sehr unverbindlich, ist für das Wohlbefinden wichtig. Besonders durch das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und einen weniger routinierten Tagesablauf fallen viele Alltagskontakte weg. Diese flüchtigen Kontakte im Wohnumfeld führen zu einem Gefühl der Identität und des „Eingebettet Seins“ in die Wohnumwelt (vgl. Blunck 2002, 172). Jedoch sind durch voranschreitende Urbanisierung und Anonymisierung in Städten solche Kontakte seltener geworden und nicht mehr selbstverständlich. Durch die heute zunehmend heterogene Lebensform älterer Menschen und durch die Verkleinerung der Familiennetze infolge regionaler Mobilität nehmen bekannte Gesichter im Wohnumfeld gerade im Alter an Bedeutung zu.

3.2 Potenziale von Alltagskontakten

Die meisten älteren Menschen verfügen über ein stabiles Netzwerk mit einer hohen Unterstützungskapazität. Vor allem im Bereich der emotionalen und kognitiven Unterstützung sind familiäre und nachbarschaftliche Hilfen von großer Bedeutung. Jedoch kann diese Art der Unterstützung auch negative Gefühle bei älteren Menschen auslösen. Gefühle wie Intimitätsverlust, Bevormundung und mangelnde Reziprozitätsfähigkeit sind die Hauptgründe älterer Menschen, nicht nach Hilfen im Kontext des engen (Familien-)Netzwerkes zu fragen (vgl. Blunck 2002: 186). Oft haben auch formale Unterstützungsangebote in professionellen Settings eine hohe Hemmschwelle für ältere Menschen. Im Rahmen von projektbezogenen Gruppendiskussionen mit Akteuren der Altenhilfe wurde hier die Angst älterer Menschen vor Bevormundung und Verlust der Selbstbestimmung benannt.

Die Potenziale einer Informationsvermittlung über Kontaktpunkte im Aktionsraum älterer Menschen sind vor allem die Beiläufigkeit der Kontaktaufnahme. Es ergeben sich Gespräche, die schließlich dazu führen können, dass in der informellen Situation ein Austausch stattfindet, der auch weit über "Small Talk" hinausgeht und bis hin zu einer Informationsvermittlung reichen kann. Dadurch, dass die erhaltene Hilfeleistung nicht im Zentrum des Zusammentreffens steht, entstehen keine ausgeprägten Reziprozitätsansprüche. Die Begegnung ist vielmehr eingebettet in eine Dienstleistungssituation, in der es z.B. beim Bäcker vordergründig darum geht, Backware gegen Geld einzutauschen. Hier gibt es weder einen offensiven Hilfeappell noch muss man sich in einer Dienstleistungssituation für einen Rat oder Tipp bedanken. Durch beiläufige Begegnungen im Kontext einer Dienstleistungs- oder Einkaufssituation entstehen demnach keine Abhängigkeiten. Die Vertrautheit, die durch den lebensweltlichen Alltagskontakt entsteht, trägt dazu bei, dass sich ältere Menschen mit Ihren Problemen bei den regelmäßig aufgesuchten Kontaktpersonen von Dienstleistern und des Einzelhandels aufgehoben fühlen. Informationen, die den Hilfebedarf älterer Menschen thematisieren, können in solchen Settings in einem „geschützten Rahmen“ übergeben werden.

3.3 Methodisches Vorgehen

Im Forschungsprojekt ÖFFNA wurden sowohl grundlagenorientierte als auch praxisorientierte Ziele verfolgt. Unter der Praxisperspektive sollen neue Informations- und Vermittlungswege im Sozialraum zur Stärkung derjenigen älteren Menschen entwickelt und implementiert werden, die nicht aktiv in lokale Beziehungsnetzwerke involviert sind und von daher auf den herkömmlichen Wegen kaum Informationen und Angebote von Trägern der Altenhilfe erhalten. Die zu entwickelnde „Infrastruktur“ soll eine Öffnung für die Fragen des Alters bei denjenigen Akteuren im Wohnquartier bewirken, die unter der älteren Bewohnerschaft anerkannt sind und Vertrauen genießen. Dadurch soll vermieden werden, dass Personen unerkannt in Notsituationen geraten, und der Zufluss von Informationen, wie sie ihre Lebenssituationen erfolgreich bewältigen können, sichergestellt werden.

Als Untersuchungsgebiet wurde der Stadtteil Köln Ehrenfeld ausgewählt. Er repräsentiert ein ehemaliges Arbeiter- und Industrieviertel in Köln mit einem hohen Anteil migrantischer Einwohnerschaft, und es wird von Bürgerhäusern aus der Gründerzeit, Industriedenkmälern sowie Mietshäusern aus den 1950er und 1960er Jahren geprägt.

Für die Entwicklung der Infrastruktur im Sozialraum wurden fünf Arbeitspakete festgelegt, die im Zeitraum 2010 bis 2013 bearbeitet wurden (vgl. Untersuchungsbericht: Schubert/Leitner/Veil/Vukoman 2014). Zunächst wurde (1.) die Lebenssituation der älteren Menschen im Untersuchungsgebiet mit Hilfe einer quantitativen Haushaltsbefragung aufgeklärt und darauf aufbauend (2.) eine Untersuchung der Aktionsräume und Beziehungsgelegenheiten im Sozialraum durchgeführt. Zudem wurden (3.) gute Beispiele in Europa und Deutschland gesammelt, um von bereits bestehenden Projekten bzw. Angeboten besonders erwähnenswerte Aspekte für die Entwicklung des Infrastrukturmodells übernehmen zu können. In einem weiteren (4.) Schritt wurde ein Infrastrukturmodell entwickelt sowie seine Akzeptanz bei den betroffenen Akteuren überprüft. Im letzten (5.) Schritt wurde das Infrastrukturmodell einer sozialen Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen.

(1) Haushaltsbefragung

Als zentraler empirischer Schritt zur Aufklärung der Lebenssituation älterer Menschen ab 60 Jahren sowie zur Identifizierung von Typen gesellschaftlicher Teilhabe wurde auf der Basis eines teilstandardisierten Fragebogens im Zeitraum von Oktober 2010 bis Januar 2011 eine Haushaltsbefragung durchgeführt. Für die Befragung wurde eine Zufallsstichprobe (N=2.000) aller Personen ab 60 Jahren unter Berücksichtigung der Pass-Nationalität aus dem Melderegister gezogen. An der Befragung nahmen insgesamt N=495 Personen teil (54% Frauen, 46% Männer). Das entspricht nach Abzug der stichprobenneutralen Ausfälle einer Ausschöpfungsquote von 30,8%.

In mündlichen Interviews wurde ermittelt, wie sich der Informationsstand über bestehende Angebote sowie die Nutzung von Angeboten für ältere Menschen empirisch darstellen. Weiterhin sollten auch die alltäglichen Lebensvollzüge im Stadtquartier und Stadtteil nachgezeichnet werden, um Aktionsräume und Beziehungsgelegenheiten sowie Beziehungsnetze im sozialräumlichen Alltag zu erkennen. Auf der Grundlage der empirischen Ergebnisse wurde eine Typisierung der Personen erarbeitet, die weder präventiv noch akut am lokalen Informationsangebot sozialer Dienstleistungen partizipieren.

Wohnortnahe soziale Dienstleistungen können nur genutzt werden, wenn die Zielpersonen über das Angebot informiert sind. Diese Information, so unsere Hypothese, wird im Rahmen von Kommunikation in Netzwerken – beispielsweise über das familiale Netzwerk, in Vereinen und durch persönliche Kontakte im Sozialraum – weitergegeben, wobei die Größe und Qualität des Netzwerks einer Person wiederum maßgeblich von ihrem Gesundheitszustand, sozioökonomischen Status sowie von der Stadtteilbindung abhängt.

In der Haushaltsbefragung wurden die genannten Indikatoren sowie Informationen über soziodemographische Merkmale der Befragten erhoben. Für die Erhebung des Netzwerks wurde zum einen das egozentrierte Netzwerk mit dem Fokus auf instrumentelle, kognitive sowie emotionale Hilfe und Unterstützung ermittelt.

Um die Kontakte im Sozialraum zu messen, wurde ein „Sozialraumgenerator“ entwickelt; dieser entspricht der Logik der klassischen Netzwerkgeneratoren der egozentrierten Netzwerkanalyse (vgl. Jansen 2006). Ziel des Sozialraumgenerators ist die Identifikation von zentralen Kommunikationsgelegenheiten älterer Menschen, die potenziell als Träger der Informationsinfrastruktur genutzt werden können. Hierbei wurden die wichtigsten Infrastrukturen (Läden, Angebote, Treffpunkte, Orte oder Einrichtungen) ermittelt, um im zweiten Schritt die Besuchshäufigkeit sowie die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erheben.

(2) Aktionsraumanalyse

Nach der Fragebogenauswertung wurden sogenannte – mit dem Sozialraumgenerator ermittelte – „Gelegenheiten“ ausgewählt. Insgesamt wurden 22 Gelegenheiten aus allen genannten Angeboten ausgewählt, die starke Potenziale für die intendierte Informationsvermittlung versprachen. In den ausgewählten Gelegenheiten wurden zwischen Oktober und Dezember 2011 Analysen durchgeführt. In Beobachtungen wurde festgestellt, wo Informationen im persönlichen Gespräch vermittelbar sind. Parallel zu den Beobachtungen wurden Kunden befragt (pro Gelegenheit zwei bis drei Personen über 60 Jahren); insgesamt wurden 43 Gespräche geführt. In der Beobachtung wurden folgenden Merkmale erfasst: Angebotstyp, Lage, Angebot, Besuchsdauer (Gesprächsdauer/Wartezeiten), Frequenz (pro Stunde), räumliche Beschreibung, Platz für Infostand/Beratung, Platz für Flyer/Plakate, Bezug zur Altenhilfe. Die Befragung der Kunden umfasste folgende Bereiche: Qualitäten des Angebots, soziale Qualitäten, Potenzial der Informationsübergabe, Informationsbedarf.

Auf der Grundlage der Beobachtungsergebnisse und der Kundenbefragung schätzte das Forschungsteam die Eignung der Gelegenheiten zur Informationsvermittlung (Vermittlungspotenzial) nach einer Qualitätsskala ein. Das Vermittlungspotenzial wurde folgendermaßen bewertet:

  1. gering: keine Gelegenheiten zum Gespräch.
  2. mittel: Gelegenheiten zum Gespräch, die nicht über die reine Geschäftsabwicklung hinausgehen
  3. hoch: Gelegenheiten zum persönlichen Gespräch, die über die reine Geschäftsabwicklung hinausgehen.

(3) Überprüfung der Akzeptanz

In einer Erprobungsphase wurde das Infrastrukturmodell über die Dauer von vier Monaten getestet. Für die probeweise Umsetzung des Infrastrukturmodells im Untersuchungsgebiet konnten neun Gelegenheiten gewonnen werden. Sie wurden durch die Seniorenberatung in das Modell und die Verfahrensweise eingeführt.

Abschließend wurden nach vier Monaten die Erfahrungen mit dem Infrastrukturmodell bei den Akteuren der Altenhilfe, unter älteren Menschen sowie bei den „Vermittlern“ evaluiert. Dazu wurden Gruppendiskussionen durchgeführt. In den Gelegenheiten mit mittlerem und hohem Vermittlungspotenzial wurden außerdem die Inhaber und Mitarbeiter/innen befragt, um den Handlungsspielraum und die Mitwirkungsbereitschaft zu erfassen.

4 Ausgewählte Ergebnisse

4.1 Informiertheit älterer Menschen im Wohnquartier

Um Hilfen im Alter erhalten zu können, die nicht im persönlichen Netzwerk verfügbar sind, ist es notwendig, darüber informiert zu sein. Insgesamt kennt ein Viertel (27,2%, n=132) der befragten Personen Beratungsdienstleistungen. Haushaltsnahe Dienstleistungen kennen über ein Drittel (37,7%, n=183) und Pflegedienste und -angebote fast die Hälfte (45,3%, n=220) der befragten Personen. Von den Personen, die entsprechenden Dienstleistungen kennen, nahmen zum Zeitpunkt der Befragung über ein Viertel (27,3%) Beratungsangebote, über ein Fünftel (22,8%) haushaltsnahe Dienstleistungen und gut ein Zehntel (14,1%) Pflegeangebote in Anspruch.

Die Kenntnis über soziale Dienstleistungen in den Bereichen haushaltsnahe Dienstleistungen und Pflege erhöht sich mit steigendem Alter; die Kenntnisse über Beratungsmöglichkeiten nehmen mit dem Alter leicht, aber nicht signifikant ab. Befragte mit deutscher Nationalität sind generell besser informiert als Befragte mit einem ausländischen Pass – im Nutzungsverhalten gibt es jedoch keinen signifikanten Unterschied. Auffällig ist aber, dass wesentlich mehr ausländische Befragte Pflegedienstleistungen nutzen als Deutsche. Der Kenntnisstand über soziale Dienstleistungen hängt signifikant mit der Netzwerkgröße zusammen: Je größer das Netzwerk ist, umso besser sind die befragten Personen über soziale Dienstleistungen informiert.

Die häufigsten Informationsquellen sind die Familie, Bekannte und Nachbarn. Das Internet und andere Medien werden deutlich seltener genannt. Informationen über sensible Themen wie haushaltsnahe Dienstleistungen und Pflegedienstleistungen werden besonders häufig in persönlichen Kontakten weitergegeben. Das bestätigt die Grundhypothese der Untersuchung und spricht für die geplante Entwicklung einer kommunikativen Informationsinfrastruktur im Sozialraum.

4.2 Bedarfsbestimmung auf der Grundlage einer Typologie

Die Analyse über die Kenntnisse und die Nutzung sozialer Dienstleistungen hat verdeutlicht, dass es Personen gibt, die nicht über die Angebote für das Alter informiert sind, die in der institutionellen Systemwelt gemacht werden. Aber die Haushaltsbefragung ergab auch, dass es Personen gibt, die im Stadtteil in unterschiedlichen Gelegenheiten kommunikative Kontakte haben. Vor diesem Hintergrund wurden als Bedarfs- und Zielgruppe des geplanten Handlungskonzepts Personen definiert, die nicht über infrastrukturelle Angebote der Altenhilfe informiert sind, jedoch in Läden und Dienstleistungseinrichtungen im Sozialraum kommunizieren und somit über diese Alltagskontakte erreichbar sind. Im Rahmen einer Typenanalyse wurde diese Personengruppe identifiziert. Es wurden zwei (dichotomisierte) Indikatoren zur Bestimmung der Typen ausgewählt. Dabei wurde das Merkmal „Information über soziale Dienstleistungen (ja / nein)“ mit dem Indikator „Kommunikation im öffentlichen Raum (ja / nein)“ kombiniert betrachtet und nach sozioökonomischen Merkmalen sowie der Netzwerkgröße differenziert untersucht, um die Fälle zu identifizieren, die durch die geplante Kommunikationsinfrastruktur erreicht werden können.

Im Ergebnis wurden vier Gruppen mit ähnlichen Strukturmerkmalen identifiziert. Jeweils zwei Gruppen repräsentieren die Basistypen der „Die Informierten“ und der „Die Nicht-Informierten“. Insgesamt sind 61% (N=452) über mindestens eine Dienstleistung – Beratungsangebot, haushaltsnahe Dienstleistung oder Pflegeangebot – informiert und 39% der Befragten nicht informiert. In Verbindung mit dem Indikator „Kommunikation“ ergeben sich folgende Typen:

Typ A1: Informierte mit Kommunikation im öffentlichen Raum (45,8%)
Die größte Gruppe bilden die Personen, die über mindestens eine soziale Dienstleistung informiert sind und an der Kommunikation im öffentlichen Raum teilhaben. Der Anteil weiblicher Personen (57,4%) ist in dieser Gruppe höher als in allen anderen Gruppen. Dies kann damit erklärt werden, dass Frauen in der Regel netzwerkaktiver sind als Männer. Weiterhin weist dieser Typ einen vergleichsweise hohen Anteil von Vereinsmitgliedschaften auf (51%); darüber hinaus verfügen Personen dieses Typs über relativ große Netzwerke. 91% der Personen dieses Typs sind deutscher Nationalität.

Typ A2: Informierte ohne Kommunikation im öffentlichen Raum (15,3%)
Diese Gruppe ist dadurch gekennzeichnet, dass sie über mindestens eine soziale Dienstleistung informiert ist, aber nicht an der Kommunikation im öffentlichen Raum teilhat. Auffällig ist das hohe ökonomische Kapital. Sowohl die Finanzlage als auch der Bildungsabschluss liegen bei diesem Typ deutlich über denen der anderen Gruppen. 84% der Personen dieses Typs sind deutscher Nationalität.

Typ B1: Nicht-informierte mit Kommunikation im öffentlichen Raum (29%)
Die Personen dieser Gruppe sind nicht über soziale Dienstleistungen der Altenhilfe informiert, aber kommunikativ in das öffentliche Leben des Sozialraums involviert. Der Typ repräsentiert die zentrale Zielgruppe des Projekts ÖFFNA, da die Mitglieder durch die geplante Kommunikationsinfrastruktur gut erreichbar sind. Besonderes Merkmal hier ist der relativ hohe Anteil an Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (34%). Außerdem ist die Gruppe nur mit einem niedrigen ökonomischen Kapital ausgestattet. Diese Personengruppe weist auch das geringste Aktivitätsniveau im Freizeitverhalten auf.

B2: Nicht-informierte ohne Kommunikation im öffentlichen Raum (10%)
Die zahlenmäßig kleinste Gruppe ist weder über soziale Dienstleistungen informiert, noch führt sie Gesprächen in den Gelegenheiten von Läden und Einrichtungen des Einzelhandels und der Dienstleistungen. Es handelt sich auch um eine Bedarfsgruppe, der es an Informationen über soziale Dienstleistungen mangelt. Allerdings ist sie nicht durch die geplante Kommunikationsinfrastruktur erreichbar. Um diese Gruppe zu erreichen, sind andere Wege in den Blick zu nehmen. Der Anteil der männlichen Personen ist in dieser Gruppe höher als in den anderen Gruppen (56%), was auf deren geringere Netzwerkaktivität zurückzuführen ist. Auch der Anteil von Personen, die keine Berufsausbildung haben, ist mit fast 50% relativ hoch.

4.3 Konkretisierung des ÖFFNA-Infrastrukturmodells

Die Strategie „kommunikative Information im Sozialraum“ sieht vor, Alltagskontakte im Sozialraum zu nutzen, um ältere Menschen über soziale Dienstleistungen zu informieren. Über sogenannte „Broker“ (Vermittler), die mit älteren Menschen in einem Alltagskontakt stehen, sollen die Personen erreicht werden, die bisher nicht erreicht werden konnten. Dabei ist es unerheblich, ob bereits ein Hilfebedarf besteht oder nicht. Im Optimalfall sollen ältere Personen und deren Umfeld über Hilfeangebote informiert sein, bevor ein akuter Hilfebedarf besteht (präventiver Ansatz). Damit sollen Notfälle vermieden und ein möglichst langer Verbleib im häuslichen Umfeld ermöglicht werden. Nach dem ÖFFNA-Infrastrukturmodell sollen älteren Menschen Informationen über Alltagskontakte in Gelegenheiten des Sozialraums vermittelt werden (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Modellübersicht „Vermittlung im Sozialraum“

 Abbildung 3: Modellübersicht „Vermittlung im Sozialraum“

In den identifizierten Gelegenheiten bestehen Möglichkeiten zu persönlichen Gesprächen. Eine hohe Besucherfrequenz erhöht die Informationsverbreitung, ist aber kein Auswahlkriterium. Infrastrukturen mit einem hohen Vermittlungspotenzial und Bezug zur Altenhilfe können Informationen besonders qualifiziert im persönlichen Gespräch vermitteln. Bezug zur Altenhilfe bedeutet hier allgemein gefasst, dass die Gelegenheit bereits zur Versorgung älterer Menschen mit Hilfebedarf beiträgt, z.B. die Gruppe der Hausärzte. In diesen Gelegenheiten könnten die fachlich fokussierten Leistungen erweitert werden und eine Vermittlung zu weiterführenden Angeboten erfolgen (z.B. Arzt leitet zur Wohnberatung weiter).

Für die Umsetzung der Strategie ist die Bereitschaft der Geschäftsführung zur Bereitstellung von Informationen sowie Zeitressourcen zur Verfügung zu stellen notwendig. Die Vermittlung von Informationen erfolgt durch die Mitarbeitenden in den Gelegenheiten, die über eine Einführung in die Vermittlungsaufgabe Kenntnis über die Anbieter von Beratungsleistungen haben. Im Rahmen von Gesprächen mit älteren Menschen werden bei Bedarf Informationen über Beratungsangebote vermittelt. Der Anlass dazu ergibt sich aus Gesprächssituationen, in denen persönliche Probleme angesprochen werden. Die Mitarbeitenden verweisen dann auf weiterführende Beratungsangebote, über die sie grundlegendes Hintergrundwissen haben. Daher können Rückfragen – in begrenztem Rahmen – beantwortet werden. Ältere Menschen, die im Sozialraum kommunizieren, erhalten dadurch persönlich kommunizierte Informationen. Durch die Information wird der Zugang zu Beratungsmöglichkeiten verbessert und damit eine selbstbestimmte Lebensführung grundsätzlich unterstützt. Im Vergleich zur anonymen Weitergabe von Informationen durch Printprodukte wie Flyer und Zeitschriften können hierbei Angebote auf einem allgemeinen Niveau erklärt und Unklarheiten oder Missverständnisse reduziert werden. Die Entkoppelung der Lebenswelten älterer Menschen vom Altenhilfesystem kann durch die persönliche Kommunikation mit einer vertrauten Person aus dem intermediären Bereich des Sozialraums überwunden werden.

4.4 Aktionsraumanalyse

In der Untersuchung wurden Orte ermittelt, die für die Entwicklung der Kommunikationsinfrastruktur von Bedeutung sind:

  • Das größte Potenzial zur Übergabe von Informationen in persönlichen Gesprächen wurde bei Ärzten und Apotheken sowie bestimmten Bäckereien und gastronomischen Betrieben beobachtet.
  • Friseurgeschäfte und Bäckereien wurden unterschiedlich sowohl mit einem hohen als auch mit einem mittleren Potenzial eingeschätzt.
  • Mit einem eher mittleren Potenzial wurden Freizeitangebote, Metzgereien, Lebensmittelläden, Kioske und Buchhandlungen bewertet.
  • Ein eher geringes Potenzial haben Supermärkte und Postfilialen.

Die insgesamt nicht eindeutige Zuordnung von Angebotstyp zur Eignung zur Informationsübergabe verdeutlicht, dass weitere Faktoren für die Eignung als Kommunikationsorte entscheidend sind. Neben der Art des Angebots spielt der Status der Gelegenheit eine Rolle: Es dominierten gewerbliche Angebote. Sie lassen sich danach unterscheiden, ob eine Gelegenheit ein Einzelangebot ist, das in der Regel vom Inhaber selbst geführt wird, oder ob es sich um eine Filiale eines übergeordneten Unternehmens handelt, das im allgemeinen von einem angestellten Geschäftsführer gemanagt wird.

Aus der Beschreibung des Sozialraums Köln Ehrenfeld geht hervor, dass sich die gewerblichen Gelegenheiten in unterschiedlichen „Zonen“ des Stadtteils konzentrieren. Zum einen handelt es sich um eine zentrale Einkaufsstraße in einer einfachen Lage des Stadtteils; zum anderen um Nebenstraßen in der Nähe eines Platzes in einem eher bürgerlichen Wohngebiet. Beide Lagen besitzen Potenzial für die Kommunikationsinfrastruktur. Entlang der Hauptstraße ist die Frequenz von Kunden und Passanten relativ hoch. Dies gilt insbesondere für den zentralen Platz, der ein Einkaufszentrum umfasst. Die eher ruhigen Lagen im Wohngebiet werden hingegen von den Passanten als attraktiv und angenehm empfunden. Allerdings bedeutet das auch, dass das Angebot im Allgemeinen eher hochwertig ist und damit die Zielgruppe der wenig informierten mit geringem ökonomischem Kapital tendenziell seltener anzutreffen ist. Die besonders intensiven Gelegenheiten zum Gespräch finden sich häufig in Nebenstraßen, vor allem Stammkunden sind bereit, diese gezielt aufzusuchen. Dennoch gilt, dass auch die hier genannten Angebote in Nebenstraßen durchweg gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind bzw. sich in fußläufiger Nähe zu den beiden Hauptstraßen befinden. Arztpraxen sind Gelegenheiten mit hohem Potenzial, die von der Lagequalität relativ unabhängig zu sein scheinen.

Für die Informationsübergabe ist ein ausreichender zeitlicher Spielraum notwendig, um neben den funktionalen Abläufen auch Gelegenheit zu einem weiterführenden Gespräch zu haben. Beispielsweise werden in Supermärkten längere Besuchszeiten verbracht, ohne dass ein Gespräch stattfindet. Lange Gesprächszeiten über 30 Minuten wurden nur in Friseurgeschäften beobachtet, was ein Potenzial für die Informationsübergabe bietet. In Bäckereien sind die Besuche und damit auch die Gespräche durchschnittlich kurz und auf den Geschäftsablauf bezogen. Es gibt jedoch in geeigneten Angeboten die Möglichkeit zu längeren Gesprächen, die vor allem von Stammkunden genutzt wird. In Arztpraxen sind die Gespräche ebenfalls nicht unbedingt lang, jedoch persönlich und intensiv. Die Ergebnisse wurden dahingehend interpretiert, dass die Qualität des Gesprächs wichtiger ist als die Gesprächsdauer.

Ein weiteres Merkmal für die Einschätzung des Potenzials zur Informationsübergabe ist die Besucherfrequenz. Diese spielt eine ambivalente Rolle. Zum einen erhöht die Frequenz von Besuchern das Potenzial, da viele Personen kontaktiert werden können. Allerdings verringert eine hohe Besucherfrequenz im Allgemeinen die Möglichkeit zum persönlichen Kontakt. Gelegenheiten mit einem hohen sowie mit einem mittleren Vermittlungspotenzial haben tendenziell eine niedrige Besucherfrequenz, d. h. weniger als 20 Kunden pro Stunde. Gelegenheiten mit einer niedrigen Besucherfrequenz weisen häufig zugleich die längste Verweildauer auf – wie beispielsweise Friseure und Arztpraxen. In Gelegenheiten, die häufig zugleich in Nebenstraßen liegen, werden auch häufig „Stammkunden“ bedient. Demgegenüber haben Gelegenheiten mit einer hohen Frequenz von über 60 Kunden pro Stunde zumeist ein geringes Potenzial. Ein Supermarkt wurde trotz seiner relativ hohen Frequenz mit einem mittleren Vermittlungspotenzial bewertet, da die Besucher trotzdem von Möglichkeiten zum Gespräch berichteten.

Neben dem Vermittlungspotenzial, das die grundsätzliche Möglichkeit zu einem informativen Gespräch beschreibt, soll auch der Bezug zur Altenhilfe als Charakteristikum der Gelegenheitseinschätzung dienen. Bezug zur Altenhilfe bedeutet, dass die Gelegenheit bereits zur Versorgung älterer Menschen beiträgt. In diesen Gelegenheiten kann die fachlich fokussierte Versorgung mit anderen Strukturen verbunden werden. So können beispielsweise im Bereich der medizinischen Versorgung auch Informationen über die Wohnraumanpassung eingebunden werden. Gelegenheiten mit Bezug zur Altenhilfe haben im Allgemeinen auch ein hohes Vermittlungspotenzial. Dies ergibt sich daraus, dass die Versorgung älterer Menschen häufig mit Gesprächen und mit Beratungsleistungen verbunden ist. Daraus ergibt sich für diese Gruppe von Gelegenheiten ein besonderes Potenzial zur Übergabe von Informationen.

4.5 Erprobungsphase

In Köln stellt insbesondere die Seniorenberatung einen zentralen Wegweiser für ältere Menschen dar. Mit der Durchführung wurden verschiedene Wohlfahrtsverbände beauftragt. Die kommunale Seniorenberatung fungiert als zentrale Anlaufstelle für ältere Menschen. Die Kommunikations- und Informationsinfrastruktur des ÖFFNA-Projekts in Ehrenfeld soll die Seniorenberatung unter den zurückgezogen lebenden älteren Menschen bekannt machen und Hemmschwellen der Nutzung des Angebots abbauen.

Im Zeitraum von September 2012 bis April 2013 wurde die geplante Strategie probeweise umgesetzt. In der Erprobungsphase waren 9 Vermittler beteiligt, darunter 2 Arztpraxen, 2 Apotheken, ein Friseurgeschäft, ein Einzelhandelsgeschäft, eine Bäckereifiliale, eine Gaststätte und ein Kiosk. Im Rahmen von Gesprächen mit älteren Menschen wurden an diesen Orten (Geschäfte, Praxen etc.) Informationen über die Seniorenberatung vermittelt. Dabei wurde eine Informationskarte, die über die Ansprechpartnerinnen der Seniorenberatung im Stadtteil informiert, kommentiert übergeben. Die Vermittlung von Informationen erfolgte durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Gelegenheiten, die über eine Einführung Kenntnisse über die Anbieter von Beratungsleistungen erlangt hatten. Diese Vermittler in den Gelegenheiten wurden grundlegend über das Arbeitsfeld der Seniorenberatung informiert und mit den Seniorenberaterinnen im Stadtteil vernetzt. Das Kennenlernen zwischen Seniorenberaterinnen und den Mitarbeitenden der Gelegenheiten gab der Beratungsstelle „ein Gesicht“ und stärkte das Vertrauen in die Dienstleistungen der Altenhilfe als Systemwelt.

Abbildung 4: Wirkungsmodell der ÖFFNA-Informationsinfrastruktur

Abbildung 4: Wirkungsmodell der ÖFFNA-Informationsinfrastruktur

4.6 Wirkungen

Um sowohl den Nutzen (Outcome) als auch den Aufwand (Input) beschreiben zu können, werden die erbrachten Leistungen unterschieden in (vgl. Abbildung 4):

  • A: die erfolgreiche Übergabe der Informationskarte zur Seniorenberatung;
  • B: die Information in Verbindung mit einer Vermittlung zur Seniorenberatung bzw. einer anschließenden Kontaktaufnahme.

Alle beteiligten Vermittler bewerteten die Erprobung positiv. Die Wahrnehmung eines konkreten persönlichen Anliegens von Kunden oder Patienten wurde zum Anlass genommen, auf die Seniorenberatung hinzuweisen. Wenn in den persönlichen Gesprächen eine Problemsituation oder ein Beratungsbedarf zu erkennen war, trafen die Vermittler die Voreinschätzung, dass die Informationsvermittlung erforderlich sei. Im Allgemeinen handelte es sich um Einzelfälle, die u.a. folgende Anlässe zur Vermittlung boten:

  • Isolation,
  • fehlende soziale Kontakte,
  • mangelnde Orientierung / Information,
  • finanzielle Probleme,
  • Überforderung bei der häuslichen Versorgung.

Durch die strukturierte Vermittlung und den wiederholten Kontakt mit den Fachkräften der Seniorenberatung wurden die Vermittelnden einerseits sensibilisiert für die Belange ihrer Kunden bzw. Patienten und andererseits motiviert zu einer gelingenden Vermittlung. Dabei verließen die Vermittler allerdings nie ihre Rolle als Dienstleistende oder Gewerbetreibende.

Nach den Protokollen der Erprobungsphase ergaben sich folgende Kennwerte: (1.) Übergabe von durchschnittlich 15 Informationskarten je Gelegenheit pro Jahr und (2.) im Durchschnitt 2 Vermittlungen je Gelegenheit an die Seniorenberatung pro Jahr.

5 Fazit

Das ÖFFNA-Konzept baut innovative Netzwerkbrücken durch die Einbindung von Vermittlern, die zwischen den Lebenswelten älterer Menschen und dem Institutionensystem der professionellen Altenhilfe – vertreten durch die kommunale Seniorenberatung – Rückkopplungen herstellen. Bestehende informelle Kontakte im Sozialraum werden dafür aufgewertet, indem bisher ungenutzte Vermittlungspotenziale erschlossen werden. Im Zentrum der Netzwerkfunktion steht dabei die Übergabe von Informationen über die Seniorenberatung in Gelegenheiten des Sozialraums, wie beispielsweise Ärzte, Apotheken oder Bäckereien, die neben der reinen Sachinformation über die persönliche Kommunikation noch mit „Vertrauen“ angereichert ist.

Die Vermittler, die Informationen über die Seniorenberatung bzw. die Altenhilfe kommunizieren können, sollten so ausgewählt werden, dass ihre beruflichen Aktivitäten mit der nahräumlichen Versorgung der älteren Menschen korrespondieren. Der Nahraum der Wohnumgebung wird mit zunehmender Distanzempfindlichkeit älterer Menschen als Beziehungsfiguration wichtiger. Hier werden nicht nur die Dinge des täglichen Bedarfs erworben, sondern – trotz zurückgezogener Lebensform – auch das Bedürfnis nach Kommunikation und Kontakten befriedigt. Ohne die räumliche Verankerung eines Vermittlungssystems in den Quartiersalltag bleibt das Altenhilfesystem abgehoben und nicht mit der Lebenswelt der Menschen verbunden. Gleichwohl ist zu beachten, dass nicht alle Hilfebedürftigen am öffentlichen Leben im Wohnumfeld teilnehmen können – beispielsweise infolge von Orientierungsschwierigkeiten oder Mobilitätseinschränkungen. Für diese Gruppe der Nicht-Informierten unter den älteren Menschen, die keinen Zugang zum Altenhilfesystem haben, müssen noch differenziertere, wohnungsbezogene Vermittlungswege kleinräumig verfügbar gemacht werden.

Darüber hinaus ist eine zweite Sozialraumkomponente für eine gelingende Vermittlung wichtig. Es geht um das ehrenamtliche soziale Engagement lokaler Akteure, wie es in dem untersuchten Stadtteil Ehrenfeld vorgefunden wurde. Nicht in allen Stadtteilen ist dies möglich. Mit der zunehmenden Verdrängung von kleinen Einzelhandelsgeschäften durch große Discounter gehen auch Gesprächs- und Kontaktmöglichkeiten verloren. In vielen Gemeinden, vor allem im ländlichen Raum, ist eine nahräumliche Versorgung mit Läden, Apotheken und Arztpraxen nicht mehr gewährleistet. Aber auch dann, unter solchen Rahmenbedingungen, muss bei der Versorgung älterer Menschen die Entkoppelung zwischen Lebens- und Systemwelten sozialräumlich überwunden werden: So kann die kleinteilige Versorgung im Stadtteil gezielt gefördert oder die Mobilität der älteren Menschen verbessert werden.

Ermutigend ist, wie groß die Bereitschaft von intermediären Akteuren im Stadtteil Ehrenfeld war, sich während der Erprobungsphase aktiv mit Themen der Altenhilfe auseinanderzusetzen. In Zeiten knapper finanzieller Ressourcen bieten sie Potenziale, Netzwerkbrücken zwischen den Lebenswelten älterer Menschen und dem institutionellen System der Altenhilfe einzubauen und so ein selbstbestimmtes Altern in der häuslichen Umgebung zu unterstützen und zu ermöglichen.

Der Ansatz des Vorhabens repräsentiert einen neuen Typ der sozialräumlichen Sozialplanung, der keine neuen Einrichtungen erfindet, sondern bestehende Potenziale zu einer „kommunikativen Informationsinfrastruktur“ bündelt und zwischen verschieden Netzwerken vermitteln kann.

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Der Text ist entstanden im Rahmen des Forschungsvorhabens „Öffnung des Wohnquartiers für das Alter – Entwicklung einer kommunikativen Informationsinfrastruktur zur Überbrückung struktureller Löcher im Sozialraum“ (ÖFFNA). Es wurde im Rahmen der Förderlinie „SILQUA-FH“ des BMBF-Programms „Forschung an Fachhochschulen“ von 2010 bis 2013 durchgeführt. Das Projekt wurde von der Stadt Köln (Amt für Soziales und Senioren) als Praxispartner unterstützt.


Zitiervorschlag

Herbert Schubert, Katja Veil: Beziehungsbrücken zwischen Lebenswelten und Systemwelt im urbanen Sozialraum. In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. URL: http://www.sozialraum.de/beziehungsbruecken-zwischen-lebenswelten-und-systemwelt-im-urbanen-sozialraum.php, Datum des Zugriffs: 23.09.2017

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